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Wir müssen neue Wege gehen. Wege, die erst beim Gehen entstehen.
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"Welche Rolle spielt geschriebener Text in den digitalen Medien der Zukunft überhaupt noch?“ Diese Frage stellt – „nicht kulturpessimistisch gemeint“ – Christopher Buschow, Medienökonom an der Bauhaus Universität Weimar, in den Raum. Für ihn ist die Dynamik allzu deutlich: Junge Menschen bewegten sich bei ihrem Medienkonsum immer weiter hinein in Räume, in denen Text kaum vorkommt, wo Kurzvideos und schnelle visuelle Eindrücke dominieren. Buschow erforscht seit Jahren Innovationen im Medienbereich und stellt nüchtern fest: „Die wirklich spannenden Medien-Startups der letzten Jahre, die zu echten Genreinnovationen beigetragen haben, gab es etwa in den Bereichen Daten- oder auch Kartografiejournalismus. Die Auseinandersetzung mit ‚monolithischen‘ Texten spielt bei diesen Medienneugründungen eine auffällig kleine Rolle.“


Unter diesen Vorzeichen vollzieht sich in den Redaktionen ein umso spannenderer Kulturwandel, in dem es nicht zuletzt auch um das Schreiben selbst geht. Und darum, was gerade in Österreich als „guter Text“ gilt.

„Der lange Artikel für das gedruckte Papier wird in Österreich irgendwie noch immer als das Königsformat des Journalismus gehandelt“, stellt Naz Küçüktekin, junge Redakteurin beim Kurier, fest. Digitale Medien und Formate würden stets in Relation oder als Konkurrenz dazu wahrgenommen. „Außerdem gibt es dieses Missverständnis, dass ein einfach formulierter, für möglichst alle verständlicher Text ‚schlechtes‘ Deutsch sei und ein ‚guter‘ Artikel unbedingt einige komplizierte Satzkonstruktionen und ein paar Fremdwörter benötige.“ Anna Jandrisevits von der Chefredaktion, dem Instagram- und Tik- Tok-Medium aus dem Hause Biber, formuliert es so: „Man kann ja normal mit uns reden.“ Mit „uns“ meint die 24-Jährige sich und ihre ganze Generation, also jene sprachbegabte, politisch gebildete und immer schon digital lebende Altersgruppe, die in den kommenden zehn Jahren nicht nur die Medienwelt auf den Kopf stellen wird. Oder zurück auf die Füße, wie man’s nimmt.

Reportagige Texte werden bei der Chefredaktion in Instagram-Karussell-Posts gepackt, der formale Rahmen prägt so auch den inhaltlichen Aufbau. „Wir wollen eine lockere Sprache finden, die unsere Leser:innen direkt anspricht“, erklärt Jandrisevits. „Von der Substanz her steht aber genau das Gleiche drin, wie es in einem ko ventionellen Zeitungsartikel stehen könnte. Aber junge Leute spricht man so eben am besten an.“ Denise Hruby schreibt als freie Journalistin für viele Medien, darunter die Süddeutsche Zeitung, National Geographic oder die New York Times. Daneben unterrichtet sie das Fach „Reportage“ an der FH Joanneum in Graz. Sie teilt die Beobachtungen ihrer jungen Kolleginnen: „Unter älteren Journalist:innen kommt es öfter vor, dass ‚gut geschrieben‘ mit ‚hochgestochen‘ gleichgesetzt wird und Textlänge mit Qualität.

Die österreichische Medienwelt ist nun einmal sehr starr – seit 30, 40 Jahren herrschen in vielen Chefredaktionen die gleichen Ideen vor, wie gute Texte auszusehen haben.“ Gleichzeitig gebe es aber, so Hruby, auch junge Leute, die genau diesen überkomplizierten Stil glauben kopieren zu müssen – weil sie ihn als den „richtigen“ wahrnähmen.