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Welche Geschichten schreiben junge Journalist:innen am liebsten, wo warten die besten Storys, und warum erzählen manche Medien am jungen Publikum vorbei? Eine Diskussion am Wiener Schillerplatz.

Könnt ihr in eurem Alltag als Journalist:innen die Geschichten erzählen, die euch wichtig sind? Mit welchen Storyformaten habt ihr es da zu tun?

Antonia Rauth: Ich beschäftige mich in meiner Arbeit für die beiden Podcasts „Thema des Tages“ und „Inside Austria“ für den Standard sehr viel mit Fragen des Storytellings. Beide Podcasts bieten mir schon von ihren Grundkonzepten her ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Ich genieße vor allem den freieren Zugang, den man bei einer längerfristigen Podcast-Serie wie „Inside Austria“ wählen kann: Da kann man mit Elementen vom klassischen Interview über Porträts und vergleichende Darstellungen bis hin zu reportagigen Passagen eine mehrteilige Story in großem Bogen erzählen. Anna Jandrisevits: Bei der Chefredaktion habe ich zwei Aufgaben: Ich betreue meine jüngeren Kolleg:innen bei Videoreportagen und Texten, und ich produziere TikToks – bei denen ist das Besondere dass sie meistens spontan entstehen, etwa zu tagesaktuellen News oder einem Social-Media- Trend. Für uns ist es grundlegend, immer ganz nah an den Themen der jungen Menschen dran zu sein – der Stoff geht uns dabei nicht aus.

Jan Forobosko: Ich bin bei Puls24 in der tagespolitischen Online-Berichterstattung tätig, das gibt mir also quasi die Storys vor. Etwa ein Drittel meiner Arbeitszeit kann ich aber in meine zusätzlichen eigenen Storys stecken, was mir natürlich ein bisschen mehr Spaß macht. Ich arbeite recht textzentriert, werde aber – so wie der Sender es insgesamt vorhat – in Zukunft noch mehr in Richtung Video und Audio und Aufbereitung für mehrere Kanäle gehen.


Julian Kern: Ich war als Trainee bei der Wiener Zeitung hauptsächlich in der Wirtschaftsredaktion beschäftigt. Es ging da weniger um Börsenkurse, als dass ich mich um Themen kümmern durfte, die nahe bei den Menschen sind, also etwa die Auswirkungen der Teuerung oder der Klimakrise. Das sind auch die Storys, die ich als Journalist in Zukunft machen möchte: rausfahren, mit den Menschen reden, Reportagen machen – vor allem in den Formaten Text und Video. Das ist als „Freier“ sicher etwas leichter möglich, als wenn man fester Teil einer Redaktion ist, viel Zeit im Büro verbringen muss oder gegen den Druckschluss arbeitet.


Naz Küçüktekin: Stichwort „nahe bei den Menschen“ – ich arbeite beim Kurier für „Mehr Platz“. Das ist unser Versuch, auf die Tatsache zu reagieren, dass mittlerweile 25 Prozent der Österreicher:innen Migrationshintergund haben. Mein Kollege Mirad Odobašić und ich wollen das Leben, das wir in Wien auf der Straße erleben, aber in den meisten Medien nicht wiederfinden, in der Zeitung abbilden. Dementsprechend hole ich viele Menschen aus den Communitys vor den Vorhang, schreibe vor allem Porträts und Interviews. Und manchmal auch kolumnenartige Texte über Identitätsfragen. Ursprünglich bin ich im Text zu Hause, aber ich mache für den Kurier jetzt auch TikToks.

 

Wo seht ihr in Sachen journalistisches Storytelling das größte Entwicklungspotenzial?


NK: Gerade in Österreich müssen wir einfach viel näher an die Realität ran. Und wir müssen uns endlich trauen, diese alte Denke zu überwinden: Wir schreiben die Geschichte fürs gedruckte Papier – und dann übertragen wir sie, so wie sie ist, noch irgendwie „ins Internet“. Die Onlinekanäle müssten zuerst bedient werden, das heißt, auch mehr personelle Ressourcen bekommen. Und die gedruckte Ausgabe müsste dann ganz für sich gedacht werden – wieder mit eigens dafür erzählten Storys.


AJ: Die personellen Ressourcen sind das Um und Auf. Tik- Toks oder andere Social-Media- Inhalte zu produzieren, ist keine Nebenbeschäftigung, sondern es verlangt genauso viel Zeit, Recherche und Aufmerksamkeit wie andere Formate. Das haben viele große Medienhäuser noch immer nicht verstanden, sie unterschätzen
den Arbeitsaufwand

Foto: Christopf Liebentritt

„Ich denke, dass man sich zurzeit Diversität gerne als Label anklebt, um halt auch ,dabei zu sein'.“

JK: Eine gute Geschichte muss, glaube ich, nicht immer so viel leisten. Wenn der oder die Leser: in irgendetwas mitnehmen kann, ist die Geschichte gelungen. Das kann auch eine simple Service-Story sein: Wie spare ich beim Handyvertrag? Aber natürlich, einen gewissen sozialen Impact sollte eine gute Geschichte schon haben.

Wo schreiben Medien an euren Leben als junge Menschen vorbei?


JF: Mir als gebürtigem Kärntner fällt es extrem auf, wie Wienbezogen die österreichischen Medien sind – und in Wien wiederum sind die Medien zentrumsbezogen, die Außenbezirke sind deutlich weniger präsent. Man sieht das Bild von der als „normal“ angesehenen Bevölkerung, finde ich, immer ganz schön in den diversen Straßenumfragen: Wem wird auf der Mariahilfer Straße das Mikrofon unter die Nase gehalten? Die Chefetagen in den Medien sind halt noch immer sehr männlich, mittelalt, weiß und Wien-zentriert besetzt. Diesen engen Blickwinkel müssen wir erweitern.


NK: Wenn ich zum Beispiel eine Reportage im 16. Bezirk mache, dann kann ich mit den türkeistämmigen Wiener:innen dort auf Türkisch reden, wenn sie das wollen. Das eröffnet ganz andere Möglichkeiten der Berichterstattung. Das ist etwas, was in den meisten Redaktionen noch fehlt. In Medien wird außerdem immer noch ganz unterschwellig das Gefühl der guten und der bösen Fremdsprachen vermittelt: Gut sind Englisch oder Französisch, böse sind Türkisch, Arabisch oder BKS. Dass ich mich als 26-jährige Frau mit Migrationshintergrund da oft nicht abgeholt fühle, ist wohl nicht überraschend.

AJ: Viele Leute, die in unsere Journalismus-Summer-School kommen, wagen es nicht einmal, davon zu träumen, eines Tages in einem Medium einen Platz zu finden. Weil sie mit der Erfahrung aufgewachsen sind, dass die österreichische Medienwelt nichts mit ihrem Leben zu tun hat und nicht zu ihnen spricht. Ich denke, dass man sich zurzeit Diversität gerne als Label anklebt, um halt auch „dabeizusein“, aber die nötige Sensibilität dahinter noch völlig fehlt. Eine Frau mit Migrationsgeschichte bekommt halt eine Kolumne – das ist dann „as diverse as it gets“.

Würden junge Journalist:innen gerne mehr über die Klimakrise schreiben?


NK: Ich würde mir wünschen, dass über die Klimakrise so berichtet wird wie über die Corona-Pandemie: jeden Tag auf der Titelseite, Liveticker et cetera. Der Unterschied ist: Die Klimakrise ist nichts unmittelbar Greifbares wie eine Krankheit. Ich denke, bei uns als Gesellschaft ist es noch immer nicht angekommen, dass wir schon mitten in dieser Krise stecken.


JF: Meiner Meinung nach sollte jedes Medienhaus ein Klimaressort haben, das dieses komplexe Thema umfassend abdecken kann. Im regulären Journalismus bleibt man nämlich oft in konventionellen, aber unpassenden Formaten hängen, wie Meinung / Gegenmeinung, oder es entstehen reportagige Berichte über eine Naturkatastrophe, wo dann das individuelle menschliche Leid in den Mittelpunkt gerückt wird – was den Blick aufs größere Problem aber oft verstellt.


JK: Das darf auf keinen Fall passieren. Aber grundsätzlich braucht es schon viel mehr Reportagen, gerade aus ländlichen, touristischen Gegenden Österreichs, wo es viele Menschen gibt, die aus verschiedenen Gründen noch immer die Klimakrise anzweifeln. Dort liegen die Geschichten „vor der Haustür“, zum Beispiel wenn sich gerade dievFauna invden Alpenseen aufgrund der höheren Wassertemperaturen verändert. Man muss dort hinfahren und mit den Menschen reden.


AR: Ich finde es problematisch, wenn Klimajournalismus per se als „Aktivismus“ verunglimpft wird. Diese Krise wird das gesamte Leben unserer Generation prägen. Solange man sich an journalistische Standards hält, ist es genauso wenig „aktivistisch“, wie wenn über andere Krisen berichtet wird.

Wie werden sich Social Media als News-Kanal weiterentwickeln?Wo liegen hier die Potenziale?


AJ: Tagesaktuelle News und Geschichten über unterschiedliche Lebensrealitäten erreichen auf Social Media viel mehr Menschen. Für die Chefredaktion haben wir zum Beispiel mit dem Völkerrechtler Ralph Janik ein „Erklärvideo“ zum Ukrainekrieg gemacht – und eine Fragefunktion eingefügt. Wir waren drei Wochen lang damit beschäftigt, alle Fragen zu beantworten. Unsere Storys wurden täglich zigtausende Male angeschaut. Das Informationsbedürfnis zu diesem Krieg gerade unter jungen Menschen war und ist enorm. Hier spielen Social Media ihre Stärken aus – weil man viel mehr Interaktion hat und man unmittelbar sieht, was die Leser:innen interessiert. ■