Hauptinhalt

Link in die Zwischenablage kopiert

Finnland gilt als Vorzeigeland beim Kampf gegen Desinformation. Eine zentrale Rolle spielen neue Lehrpläne, die Medienkompetenz bereits in jungen Jahren fördern. 

Finnland bemerkte spätestens 2014, dass der Informationskrieg begonnen hatte. In diesem Jahr annektierte Russland nicht nur die ukrainische Halbinsel Krim, die Finn:innen registrierten zudem eine wachsende Zahl an russischen Fake-News Kampagnen. Die Regierung in Helsinki reagierte – und entwickelte eine landesweite Strategie gegen Desinformationen. Expert:innen aus den USA wurden eingeflogen, ein 30-köpfiges Komitee mit Vertreter:innen verschiedenster Berufsgruppen gebildet. Ein zentrales Element: neue Lehrpläne in den Schulen, die Medienkompetenz und kritisches Denken in den Mittelpunkt stellen. Die Medienerziehung beginnt heute schon im Kindergarten. „Wir sind der Ansicht, dass bereits kleine Kinder Heavy User von Medien sind“, erklärt der finnische Bildungsexperte Kari Kivinen.

Die Inhalte der neuen finnischen Lehrpläne kamen hauptsächlich von den Lehrkräften, mit denen das Bildungsministerium bei ihrer Entwicklung in engem Austausch stand, erzählt Kivinen. Medienbildung passiert fächerübergreifend: In Mathematik lernen Schüler:innen über das Manipulationspotenzial von Statistiken, im Kunstunterricht über jenes von Bildern, in Geschichte lernen sie historische Propagandakampagnen kennen. Im Ergebnis sollen sie Informationen, wo auch immer sie ihnen begegnen, kritisch betrachten und angemessen interpretieren. Dabei helfen auch konkrete Tools wie beispielsweise „laterales Lesen“. Dabei überprüft man die Quelle einer Information – was sagen andere über den Autor bzw. das Medium?

„Wir sind der Ansicht, dass bereits kleine Kinder Heavy User von Medien sind.“

KOGNITIVE ANTIKÖRPER

Bei der Umsetzung der finnischen Anti-Desinformations-Strategie spielen Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle, sagt Kivinen: „In Finnland ist es für NGOs möglich, Lehrkräfte fortzubilden, Materialien in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium und der Bundeszentrale für Bildung zur Verfügung zu stellen und mit dem Bibliothekswesen und der Erwachsenenbildung zusammenzuarbeiten. Das ist nicht überall der Fall.“ Das Foto: Kivinen Engagement trägt Früchte. Finnland gilt als Vorzeigeland, wenn es um die Bekämpfung von Desinformation geht. Das präventive Aufklären über Fake News wird als „Pre-Bunking“ bezeichnet, in Anlehnung an das englische „Debunking“ für das Widerlegen falscher Informationen. Die simple Warnung, dass man einer Falschinformation ausgesetzt werden könnte, verringert bereits die Wahrscheinlichkeit, auf diese hereinzufallen. Es wirkt wie eine Impfung – man bildet gewissermaßen „kognitive Antikörper“, wie es das „Debunking Handbook 2020“ formuliert, ein Gemeinschaftswerk mehrerer internationaler Forscher:innen (mehr auf der Webseite sks.to/db2020).

Doch auch die allgemeine Qualität des Bildungssystems spielt eine Rolle, ebenso wie die Pressefreiheit oder das Vertrauen in andere sowie die digitale Teilhabe der Bevölkerung. Diese Faktoren fließen in den Media Literacy Index ein, in dem Finnland auch 2021 mit Abstand an erster Stelle stand (Österreich landete auf Rang 12). Das Open Society Institute in Sofia erstellt dieses Ranking von 35 europäischen Ländern, um deren „Resilienz gegen Fake News“ zu messen. Die Empfehlung des Instituts: besser zunächst in Bildung investieren als in Versuche, Informationsangebote zu regulieren. „Wir sind der Ansicht, dass bereits kleine Kinder Heavy User von Medien sind.“

SCHWIERIGER EXPORT

 Auch die EU möchte die Medienkompetenz in ihren Mitgliedstaaten fördern. 80 Prozent der Bevölkerung in Europa sollen bis 2030 digital kompetent sein, heißt es im Programm der Europäischen Kommission „Pfad ins digitale Zeitalter“. Manchen Ländern steht aber ein langer Weg zur digitalen Kompetenz bevor. Curricula werden oft nicht jährlich reformiert, im Rahmen der Reformen sei ein Kampf zwischen Fächern vorprogrammiert, sagt Bildungsexperte Kivinen. Versuche, das finnische Bildungswesen zu exportieren, habe es bereits gegeben – „aber es ist schwierig.“

Foto: Kivinen

Kari Kivinen von der finnischen Factchecking-Plattform Faktabaari hat über 30 Jahre Erfahrung in der internationalen Bildungsarbeit. Er ist Mitglied der EU-Expert:innengruppe zur Bekämpfung von Desinformationen und Förderung von digitalen Kompetenzen.