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„Wer ist hier gemeint?“

Fünf junge Journalist:innen diskutieren über demokratische Prozesse in einer digitalen Öffentlichkeit, über das Ignorieren ganzer Bevölkerungsgruppen und das Problematische an der Objektivität.

Welche Aufgaben kommen Medien in einer Gesellschaft zu, die sich mitten in einer Demokratiekrise befindet?

Lionel Hausheer: Wir starten mit den leichten Fragen, okay. Ich denke, Medien haben die Aufgabe, die Debatte zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zu synchronisieren. Sie sollen den öffentlichen Raum herstellen, in dem die wichtigen Themen der Zeit gemeinsam verhandelt werden.

Julia Rauch: Gerade in einer Zeit der sozialen Aufsplitterung sollten Medien zum einen Information für möglichst viele Menschen verständlich aufbereiten. Zum andern sollten sie Kontrollinstanz gegenüber den Regierenden sein. Katharina Brunner: Beim Thema „Kontrollinstanz“ beginnt für mich schon die Diskussion. So wie es läuft, verliert sich dieser eingelernte Kontrollansatz im Journalismus leider zu oft in einem unkritischen Einsammeln von Standpunkten: Einer behauptet etwas, dann hole werden – vor allem mittels diverserer Redaktionen. ich mir zwei Gegenmeinungen, Bericht fertig. Für mich haben Medien auch die Aufgabe, aktiv jenen Themen eine Öffentlichkeit zu geben, die zunächst gar nicht präsent sind. Oder im Hintergrund passieren. Sie müssen schauen: Welche Stimmen werden nicht gehört?

Linda Frosch: Aus der Perspektive der TV-Journalistin sehe ich unsere Verantwortung darin, die vielen Meinungen, die auf die Menschen den ganzen Tag über einprasseln, am Ende des Tages einzuordnen. Es geht darum, die Leute aus ihren Bubbles rauszuholen und mit anderen Standpunkten und einer Debatte zu konfrontieren.

Maryam Al-Mufti: So niederschwellig wie möglich den Menschen erklären: Was ist eigentlich los in der Welt? Das sollten Medien leisten. Leider kommen sie dieser Aufgabe nicht ausreichend nach. Das hat damit zu tun, dass die meisten Redaktionen sehr ähnlich aussehen: überwiegend weiß und in den oberen Etagen überwiegend männlich. Vor allem junge Menschen, migrantische und nichtakademische Personen müssten viel bewusster angesprochen KB: Ich hab den Eindruck, dass „Diversität“ zurzeit in Österreichs Redaktionen schon ein Thema ist, aber immer als etwas Anstrengendes, von außen Aufgedrücktes diskutiert wird. Dabei ist sie die größte Bereicherung – und es entgeht Redaktionen so viel Wissen, wenn sie darauf verzichten.

Bedeutet „Niederschwelligkeit“, um „alle“ zu erreichen, auch ein Absenken der Qualität?

Lionel Hausheer: Nein, Niederschwelligkeit ist gerade Teil guter Qualität. Aber statt sich auf schwierig erreichbare gesellschaftliche Gruppen zuzubewegen, steigt bei den etablierten Medien die Selbstreferenzialität. Man schafft sich seinen eigenen Bedeutungsraum. Und das ist eine Gefahr. Mit Hashtag versuchen wir es anders: Wir entwickeln neue digitale Formate für Plattformen, wo sich Jugendliche aufhalten, wir versuchen ihnen das Mitreden zu ermöglichen. Natürlich sind wir bei diesem Versuch nicht alleine.

Katharina Brunner: Ihr seid nicht alleine, aber wirklich neue Ansätze auf diesem Feld erkenne ich zurzeit nur bei jungen Mediengründungen, wo die Dinge von Grund auf neu gedacht werden. Bei großen Medien gibt es Ansätze – etwa beim Standard der Videochannel für junge Leser:innen –, aber sie müssten ihre Zielgruppen noch weiter diversifizieren. Man muss von diesem alten Denken wegkommen: Ich positioniere mich als Medium, dann gruppiert sich um mich ein Publikum. Hin zu: Wem fehlt ein Medium? Wessen Lebensrealitäten werden nicht repräsentiert? Wo sind meine potenziellen Zielgruppen, und wie kann ich sie erreichen?

Linda Frosch: Die Zielgruppe „möglichst alle“ finde ich sehr schwierig. Irgendwo muss jedes Medium Abstriche machen. Niemand will „für die Quote“ die journalistische Qualität senken. Andererseits können wir gewisse Formate gar nicht mehr machen, wenn keiner aufdreht. Dann landen wir wieder bei einer Diskussion über die Medienförderung – wie können qualitätsvolle Inhalte ermöglicht werden, unabhängig von der Quote?

Julia Rauch: Ich arbeite bei einem Medium, das versucht, Information niederschwellig aufzubereiten. Besonders bei „tagespolitischen“ Inhalten fragt man sich aber immer wieder: Wie kann man diese speziell für eine jüngere Zielgruppe kürzer, schneller, knackiger machen? Und da f inde ich beispielsweise den TikTok-Channel der „Zeit im Bild“ schon sehr gelungen. Die beiden Macher:innen sind teilweise einfach mit dem Smartphone unterwegs, können sehr spontan agieren. Ich denke, dass hier das Potenzial für große Newsmedien noch lange nicht ausgereizt ist.

Maryam Al-Mufti: Wen meinen wir mit „alle“? Reden wir mal kurz übers Skifahren im ORF. Ich kenne in meinem Umfeld keine Person mit migrantischem Background oder aus einer niedrigeren Einkommensklasse, die sich dafür auch nur im Entferntesten interessiert. Trotzdem läuft das den ganzen Winter 24 / 7. Das ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Welche Öffentlichkeit ist hier gemeint? Und diese Grundhaltung zieht sich genauso durch die Nachrichten und andere Angebote. Und ganz explizit wird es dann bei den Comedyformaten, in denen jeder zweite Witz sexistisch und jeder dritte rassistisch ist. Alle zu erreichen, schon klar, ist nicht möglich. Aber manche Personengruppen werden ja nicht mal als Teil der Öffentlichkeit gesehen, die man erreichen möchte.

Man hört gerade jungen Journalist:innen gegenüber oft den Vorwurf, sie gingen ihren Job zu „aktivistisch“ an. Zählt Haltung mehr als Objektivität?

Julia Rauch: Ich sehe mich auf keinen Fall als Aktivistin, aber will die Welt auch nicht „neutral“ betrachten. In der Praxis bedeutet das: Ich gehe niemals mit einer vorgefertigten Meinung über einen Menschen in ein Interview, gleichzeitig dürfen aber meine Vorstellungen in den Fragen durchscheinen.

Katharina Brunner: Nur die allgemeine Weltsicht der Mehrheitsgesellschaft kann die „Objektivität“ hervorbringen, die hier verlangt wird. Sichtweisen von Menschen aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen gelten dagegen automatisch als „subjektiv“. Wenn wir bei Andererseits in einem Artikel schreiben, dass die UN-Behindertenrechtskonvention nicht eingehalten wird, dann ist das kein „Aktivismus“, sondern wir weisen auf einen Missstand hin. Und umgekehrt gedacht: In anderen Medien werden Behindertenrechte tagtäglich massiv ausgespart – betreiben diese Medien also Anti-Inklusions-Aktivismus?

Maryam Al-Mufti: Einige Menschen haben da keine Wahl. Ich bin gezwungenermaßen Journalistin und Aktivistin. Viele finden ja zum Journalismus in der Hoffnung, diskriminierenden Denkmustern in der Gesellschaft entgegenwirken zu können. Weil für sie als muslimische, jüdische, queere, behinderte oder anders markierte Menschen ihre Existenzberechtigung täglich infrage gestellt wird.

Es steht die Frage im Raum: Können Journalist:innen über Themen wie Diskriminierung besser berichten, wenn sie selbst davon betroffen sind?

Katharina Brunner: Ja und nein. Das Wissen über Diskriminierung muss einmal von irgendwoher kommen, und deshalb sind die Perspektiven von betroffenen Journalist:innen so wichtig. Aber auch ich kann selbstverständlich als Nichtbetroffene Erfahrungsberichte einholen und berücksichtigen. Es ist sogar meine Pflicht als Journalistin.

Lionel Hausheer: Was ich problematisch fände, wäre eine Herangehensweise, wo Journalist:innen über ein Thema berichten, ohne dafür mit Betroffenen zu reden.

Maryam Al-Mufti: Die Debatte ist in meinen Augen völlig realitätsfern. Wir sind doch erst am zaghaften Anfang davon, Positionen von Betroffenen in die Medien hereinzuholen. Diese Frage „Sollen jetzt also nur mehr Betroffene über diese Themen schreiben dürfen?“ wird von weißen Redaktionen ganz bewusst in die Arena geworfen, weil sie polarisiert und für Aufmerksamkeit sorgt. Von einer Welt, in der Betroffene Mediendiskurse auch nur annähernd gleichwertig mitgestalten können, sind wir in der Realität weit entfernt.

Linda Frosch: Die „Haltungsdebatte“ erinnert mich an die Debatte um Political Correctness: Eine ältere Generation, meist Kinder der 1960er und 1970er Jahre, sieht sich selbst als progressiv und weltoffen. Bis plötzlich eine junge Generation kommt und sagt: Hey, eigentlich läuft da noch ganz viel falsch. Und statt zu sagen: „Okay, wir schauen, wo wir besser werden können“, wird eine defensive Haltung eingenommen, um das liebgewonnene Selbstbild nicht zu gefährden.

Ein Phänomen der letzten Jahre ist sicherlich der Aufstieg von Parteimedien. Wie verfolgt ihr diesen Trend?

Lionel Hausheer: Überrascht bin ich davon nicht – ich sehe darin eine Auswirkung des Zusammenbruchs der Geschäftsmodelle der großen Medienhäuser. Eine offene demokratische Gesellschaft hat Interesse an einem lebendigen medialen Diskurs, wo die Bürger:innen eine Auswahl haben, sich Meinungen bilden können, sich auf die „Watchdogs“ verlassen können. Parteimedien nützen diesem Prozess nur wenig oder verhindern ihn sogar. Sie machen nun einmal keinen unabhängigen Journalismus, und wir dürfen uns das auch nicht von ihnen einreden lassen.

Julia Rauch: Ich hab mich mal mit Mitarbeiter:innen des Social-Media-Teams einer Parlamentspartei über deren Strategien unterhalten. Die Aussage war: Wir wollen unsere Arbeit hip aufbereitet an die junge Wählerschaft transportieren. Also quasi niederschwellige Informationsvermittlung aus dem Zentrum der Republik. Ich f inde das einen sehr problematischen Zugang. Eine andere Partei macht auf ihrem YouTube-Kanal ein „Sommergespräch“ mit dem Parteichef – man simuliert Journalismus. Wir müssen da sehr vorsichtig sein.

Maryam Al-Mufti: Leider habe ich den Eindruck, dass diese Parteimedien teilweise sehr gut funktionieren. Kontrast.at, also das Onlinemedium der SPÖ, ist in meinem Umfeld ziemlich beliebt. Und die meisten bekommen gar nicht mit, dass das aus einem Parlamentsklub kommt. Der parteiliche Hintergrund wird meines Erachtens bewusst verschleiert, um auf die Konsument:innen neutral zu wirken. Ich wäre für eine Kennzeichnungspflicht, damit besser zwischen Nachrichten und Parteiwerbung unterschieden werden kann.

Katharina Brunner: Vor allem, weil das Einordnen von Inhalten auf Social Media für Menschen, die sich nicht professionell damit beschäftigen, immer schwieriger wird. In diese verschwimmenden Grenzen setzen sich Parteimedien bewusst hinein.

Ist News Avoidance ein Problem, das ihr in der jungen Generation wahrnehmt?

Linda Frosch: Ich denke, es gibt News Avoidance, die eher ein Achten auf die eigene psychische Gesundheit ist, und eine andere Form, wo es dann problematisch wird: Wenn Menschen, wie etwa in der Corona-Pandemie, sich aus Überforderung oder Frustration bewusst abkoppeln und sagen: Ich will das alles nicht mehr hören. Da müssten wir uns als Medienschaffende fragen: Wie könnenwir diese Menschen wieder abholen?

Julia Rauch: Ich bemerke als Reporterin, die viel im öffentlichen Raum unterwegs ist, dass ein Übersättigungsgefühl weit verbreitet ist. Die gleiche Dynamik wie bei Corona geht jetzt rund um den Ukrainekrieg los. Es gibt so viele Menschen, die stolz erzählen, dass sie sich nur noch über Telegram-Gruppen informieren, weil „die Medien“ – und da werden wir alle in einen Topf geworfen – nur Falschinformationen verbreiten würden.

Lionel Hausheer: Da tummelt sich eine riesige Gruppe, die sich nicht bewusst informiert, aber bei ihrem täglichen Aufenthalt auf Social Media quasi nebenher informiert wird. Ich finde es deshalb ein unglaubliches Versäumnis der klassischen Medien, TikTok und andere neue Plattformen so zu vernachlässigen. TikTok ist das meinungsbildendste Medium in der jungen Generation. Und man sollte doch die Leute mit guten journalistischen Inhalten da erreichen, wo auch die Debatten stattfinden.

Fotos: Christoph Liebentritt

Diskutiert haben:

Linda Frosch

Nach Absolvierung des 360° JournalistInnen Traineeship der Mediengruppe Wiener Zeitung kam die 26-jährige Journalistin Anfang 2022 zu Puls4, wo sie in der Polit-Talk-Redaktion arbeitet und Sendungen wie „Pro & Contra“ und die „Puls 24 Sommergespräche“ mitbetreut.

Katharina Brunner

Die 26-jährige freie Journalistin produziert seit Februar 2022 im Team DATUM Breitengrade den Klima-Newsletter des Monatsmagazins. Sie gehört zum Gründungsteam von Andererseits, einem Onlinemedium von Menschen mit und ohne Behinderung.

Julia Rauch

Angefangen hat die Journalistin bei mehreren Radiosendern, etwa Orange 94.0. Heute arbeitet sie als TV-Reporterin für oe24.tv, wo sie über Tagesaktuelles berichtet. Daneben schreibt sie unter anderem für das Online-Kulturmedium Delay Magazine

Maryamal-Mufti

Die 23-jährige Wienerin aus Bagdad studiert Politikwissenschaft und begann ihre journalistische Laufbahn beim Stadtmagazin Biber und bei Die Chefredaktion. Seit 2022 ist sie Redaktionsmitglied im feministischen Magazin An.schläge. Außerdem betreibt sie die Instagramseite eineminute.at.

Lionel Hausheer

Nach Anfängen bei der Schweizer Tageszeitung Der Landbote arbeitete der heute 29-Jährige in der Entwicklungsabteilung von Bavaria Entertainment. Vor zwei Jahren übersiedelte er nach Wien, wo er seit 2022 bei Hashtag Media neue Formate entwickelt.

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