Hier geht´s zum PDF: Kritisch durch die Weihnachtszeit – Wenn Mythen mitfeiern

Weihnachten, die Zeit für Harmony, Love und Family-Time. So stellen wir uns das vor, oder? In der Realität läuft es oft anders. Plötzlich sitzt man mit der Familie am Tisch, inklusive Leuten, die man das ganze Jahr über kaum sieht und zack, es wird kompliziert. Besonders tricky wird es, wenn diese Familienmitglieder voll im Desinformationsuniversum herumschweben. Für Medienschaffende kann das richtig stressig sein: beruflich kämpft man für Fakten, privat merkt man, dass Argumente manchmal einfach nicht wirken. In solchen Momenten hilft es nicht, als „Expert:in“ aufzutreten, sondern als Mensch: zuhören, Verständnis zeigen und die Beziehung in den Vordergrund stellen. Aber wie macht man das ohne Drama? 

Wichtig ist zu verstehen, warum Menschen überhaupt auf Fake News, Verschwörungstheorien oder übermäßige Medienskepsis hereinfallen. Wer darauf hereinfällt, ist nicht automatisch beeinflussbar oder gar dumm, das kann jedem:r passieren. Diese Perspektive kann man ruhig vermitteln. Fake News zu erkennen ist lernbar, ebenso die Emotionen, die oft eine große Rolle dabei spielen, kritisch zu hinterfragen. Schwieriger wird es, wenn Familienmitglieder in eine Ideologie abdriften, die wir nicht nachvollziehen können und für die es keine klaren Beweise gibt. 

Wer auf diese Milchstraße abbiegt und weiterfliegt, bei dem:der gibt es oft einen individuellen Trigger: Gefühle von Ohnmacht, der Eindruck, keinen Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben, Unsicherheit oder das Gefühl, auf der Verlierer:innenseite zu stehen. Ideologien vereinfachen die Welt, ordnen sie in Gut und Böse und wirken gerade in unsicheren Zeiten stabilisierend. Fast alle Fake-News und Verschwörungstheorien folgen einem ähnlichen Muster: Es gibt ein Problem, eine:n Schuldige:n und eine Lösung – die obviously aus der Beseitigung der Schuldigen besteht. Mit der Flucht in dieses Paralleluniversum, können Menschen Kontrolle zurückgewinnen oder Selbstwirksamkeit erleben, zum Beispiel durch Protest oder das Gefühl, aktiv etwas zu tun. 

Wie offen jemand für andere Sichtweisen ist, hängt stark davon ab, wie identitätsstiftend die jeweilige Ideologie für ihn oder sie ist. Gegenargumente allein wirken oft nicht, im Gegenteil: Sie führen eher zu Abwehrhaltung. Alexander Eydlin beschreibt das sehr gut in einem ZEIT-Artikel: In seiner Zeit als Anhänger von Verschwörungstheorien hat ihn der Versuch seines Umfelds, ihn „umzuerziehen“, nur noch weiter in seine Bubble getrieben. Wirkung zeigte hingegen der persönliche Kontakt: 

„Nicht die Argumente haben mich überzeugt, sondern die beständigen Freundschaften mit Menschen, die meine Ideen nicht teilten und dennoch mehr in mir sahen als einen Spinner. Sie stritten mit mir, aber erst nachdem sie sich die Zeit genommen hatten, meine Gedanken zu verstehen. Die Zeit, der Respekt und die Zuneigung zu mir als Person waren wertvolle Ressourcen, die mir Sinn jenseits der Mythen gaben. Das Verhalten der Person war wichtiger als ihre Ansichten.“ 

Die Botschaft: Beziehung zählt. Den Kontakt aufrechtzuerhalten, Fragen zu stellen und Dialogbereitschaft zu zeigen, wirkt oft mehr als harte Fakten. Abwertungen wie „Du bist verrückt!“ sind kontraproduktiv. Sie zerstören Vertrauen und die Person verschließt sich noch mehr. 

Was heißt das konkret für dich an Weihnachten? Den weihnachtlichen Frieden mit einer Diskussion zerstören oder doch lieber schweigen? Grundsätzlich musst du dir vorher klar überlegen, was du mit einem Gespräch erreichen willst, um nicht daran zu vergehen. Möchtest du nur wissen, was dahintersteckt oder möchtest du jemanden überzeugen? Du muss auch nicht sofort eine Diskussion starten. Es kann auch ausreichen, einfach auszudrücken – nicht abwertend, das ist ganz wichtig! –  dass man mit etwas nicht einverstanden ist. Das überzeugt zwar niemanden, aber du setzt ein Zeichen. Auch wenn du bei einer Diskussion nicht zur Person durchkommst und ihre Meinung änderst, kann es trotzdem sein das andere Personen am Tisch zuhören und du sie zum Nachdenken anregst. Wir können mit Gegenargumenten nicht die Welt retten, aber sie ein bisschen besser machen.  

Infos & Quellen

Beratungsstellen: 
Quellen: 

 

Hier geht´s zum PDF:  DIY Content Boost

In einer Welt, in der Informationen nonstop auf uns einströmen, wird Medienkompetenz wichtiger denn je. Wer Medienkompetenz hat, kann News besser einordnen, Qualität von Desinformation unterscheiden      und Kommunikationsstrategien durchschauen.

Für dich als Medienschaffende:r heißt das: Wissen vermitteln alleine reicht nicht. Entscheidend ist, dass du Menschen wirklich erreichst, genau dort, wo sie unterwegs sind, mit Formaten, die zu ihrem Medienalltag passen.  

Wir haben ein paar Tipps & Inspirationen gesammelt, wie du dein Medienwissen nutzen kannst, um deine Community mit klaren, nahbaren und relevanten Inhalten zu erreichen. Ready to try? 

 

Ein Extratipp von uns: Wenn du bei einem Thema überfragt bist, melde dich gern bei uns. Wir helfen dir weiter bei der Ideenfindung, Recherche, Gestaltung und Vernetzung.  

 

Ideenskizzen

Urban Legends

Bei einer Straßenumfrage wird nach einer sogenannten „Urban Legend“ aus der Umgebung gefragt. Dabei handelt es sich um eine Erzählung aus dem Volksmund. Die Geschichte wird dann einem Faktencheck unterzogen, der den Ursprung und die Bedeutung für die Region erklären soll, aber auch die Auswirkungen, die solche Erzählungen mit sich bringen.

Beispiel

In Baden gab es Anfang der 2000er die Geschichte, dass kleine Kinder entführt werden, wenn man alleine mit der Geisterbahn im Prater (Wien) fährt.

Tipps zur Umsetzung

Urban Legends lassen sich in ganz Österreich finden, weshalb das Format in allen Bundesländern umgesetzt werden kann. Dabei ist es wichtig, die Geschichten nicht einfach nur zu erzählen, sondern auch zu erklären, inwiefern diese Erzählungen falsch sind, Vorurteile verstärken, Handlungen und Einstellungen beeinflussen

 

Medien  -Mikro

Ein Straßeninterview- oder Mini-Talk-Format, bei dem du Menschen kurz zu ihrer Mediennutzung, Meinung oder Wahrnehmung befragst. Die subjektiven Antworten können zum Nachdenken anregen.

Beispiele
  • Glaubst du, Influencer sind ehrlich?
  • Wie viele Apps wissen, wo du gerade bist?
  • Hast du schon Mal was geteilt, was später falsch war?
  • Was denkst du, wer entscheidet, was du zu sehen bekommst?
Tipps zur Umsetzung

Damit das Format sich abhebt, baue wiederkehrende Elemente ein. Wie etwa einen einheitlichen Look, einen sich wiederholenden Einstieg oder einen markanten Titel.

 

Rapid Fire – Serie

Rapid Fire ist ein Quiz-Game. In jedem Video tritt eine Person gegen den zuvor aufgestellten High Score an. Sie muss möglichst schnell so viele Fragen wie möglich beantworten. Je mehr Fragen sie richtig beantwortet, desto mehr Punkte erhält sie.

Beispielfragen
  • Aus welchem Land stammt TikTok?
  • Wie finanziert sich der ORF?
  • Welcher österreichische Medienkonzern steht hinter der Gratiszeitung „Heute“?
  • Welcher Film brachte den höchsten Umsatz aller Zeiten?
Tipps zur Umsetzung

Damit das Game etwas einen Rahmen bekommt kannst du es zum Beispiel auf einen Ort oder auf ein Fokusthema eingrenzen.  Zusätzlich kannst du dir auch einen passenden Preis überlegen, der einen Anreiz zum Mitmachen bietet.

Lust, gemeinsam Ideen weiterzudenken? Wir freuen uns über jede Zusammenarbeit – und darüber, Inhalten gemeinsam mehr Medienkompetenz zu verleihen.

 

Melde dich, wenn du Fragen zu Medienthemen hast oder ein Projekt mit uns umsetzen möchtest!

We promise, das geht auch ganz easy!

Schreib einfach eine Mail an office@medienwissen.at.

 

Hier gehts zum PDF: KIdeMu Workshop Ergebnisse

Kann ChatGPT mit Journalist:innen mithalten? Wir haben es getestet:  Beim diesjährigen re:think media hat das ZfM im Rahmen des Workshops „KIdeMu: KI deine Mutter“ das Experiment gestartet, wer wohl den besseren Kommentar über die aktuelle räumliche Nutzung des Platzes ZwiDeMu schreiben kann: Die KI oder doch der Mensch selbst? Insgesamt gab es vier Teams, von denen jeweils zwei ausschließlich KI zur Texterstellung nutzten, während die anderen beiden sich an standardisierte journalistische Praktiken halten mussten, ohne KI zu verwenden. 

Die Zeit war mit 35 Minuten schon sehr knapp bemessen. Während bei den KI-Teams bereits ein ganzer Text inklusive Bild fertig war, waren die Teams ohne KI noch damit beschäftigt, draußen herumzurennen, Fotos vom Platz zu schießen, online zu recherchieren und das Ganze anschließend noch schön und „sexy“ in einen Text zu verpacken. Doch genau das machte das Experiment spannend. 

Wie sich die knapp bemessene Zeit auf die Aufgabenstellung ausgewirkt hat, war dann an der Textlänge deutlich zu sehen. Die KI-Gruppen konnten mehr Zeilen produzieren und eine ausgewogenere Pro- und Kontra-Position beziehen. Also hier keine große Überraschung: Die KI liegt in puncto Zeitersparnis eindeutig vorn. Auch bei den Formalia wie Aufbau und Gliederung konnten die KI-Kommentare punkten. Allerdings scheint ChatGPT nur sehr ungern zu gendern und wenn, dann nur dort, wo es gerade möchte. So probably, we wouldn’t recommend that.
Ansonsten haben die KI-Teams die Aufgabenstellung aber ziemlich exakt erfüllt. Daher: Ab in den Druck damit! 

Doch so einfach ist das dann auch wieder nicht. Ja, die selbst geschriebenen Texte waren weniger umfangreich in allen Punkten, kürzer und enthielten weniger Argumente, die für oder gegen die Nutzung des Platzes ZwiDeMu sprechen, was ja Teil der Aufgabenstellung war. Dennoch: Der eine oder andere Satz ringt einem beim Lesen ein Lächeln ab. Die Texte haben Charakter und spiegeln die Autor:innen selbst wider. Man erkennt, wie sie mit Humor arbeiten, ihre eigenen Blickwinkel auf ZwiDeMu werfen und was sie mit dem Ort verbinden. Das sind Sätze wie: 

„Fragt man sie, so würden sie das Festival im besten Sinne des Wortes als gottlos bezeichnen. Im Gegensatz zu damals ist das allerdings ein Kompliment.“ 

Eine KI wie ChatGPT hingegen ist weniger kreativ, könnte Jugendliche vor Ort nicht dazu befragen oder gar ein Interview führen. Alles muss „gepromptet“ werden. Denn ChatGPT kann eines richtig gut und das ist, das Internet durchsuchen und das, was es dort findet, fein, strukturiert und sachlich wiedergeben. Und so lesen sich auch die KI-Kommentare: wie heruntergebrochene Fakten. Das mag in einem anderen Kontext hilfreich sein, widerspricht aber dem Kerngedanken eines Kommentars. Wir merken also: KI schafft es nur selten, und nur mit wirklich ausgezeichneten, ja geradezu perfektionierten Prompts, einen Schreibstil zu entwickeln, der eine Persönlichkeit hat. 

Am Ende hat uns das Experiment vor allem eines gezeigt: KI kann ein äußerst nützliches Werkzeug sein, besonders dann, wenn es darum geht, sich schnell einen Überblick zu verschaffen, Argumente zu strukturieren oder eine Pro- und Kontraliste zu erstellen. In solchen Momenten erweist sich ChatGPT als hilfreicher Partner, der Ordnung ins Gedankenchaos und zusätzliche Inspiration bringen kann. Doch ChatGPT kann nur mit dem arbeiten, womit es trainiert wurde. Es reproduziert, was schon einmal gedacht, geschrieben oder gesagt wurde. Für neue Ideen, ungewohnte Blickwinkel und kreative Ansätze braucht es weiterhin den Menschen. Oder, anders gesagt: Die KI kann uns vieles abnehmen, das Denken aber bleibt unsere Aufgabe. 

Eine Übersicht der Ergebnisse

Effizienz & Formales

KI-Teams: Sehr schnelle Ergebnisse (Text & Bild in 35 Min.); klarer Aufbau, strukturierte Argumentation, gute Gliederung, aber teils unvollständiges Gendern.

Analoge-Teams: Langsamer, da Recherche und Fotos nötig; Texte kürzer und weniger strukturiert, aber authentisch.

Inhalt & Stil

KI-Teams: Sachlich, faktenbasiert, logisch, aber oft distanziert und formelhaft; wenig Kreativität oder emotionale Tiefe.

Analoge-Teams: Persönlich, humorvoll, mit Haltung; zeigt eigene Perspektiven und kreative Ansätze, auch wenn Argumentation schwächer ist.

Kreativität & Ausdruck

KI-Teams: Reproduziert Bekanntes, braucht präzise Prompts für originellen Stil; kaum individuelle Handschrift.

Analoge-Teams: Spiegelt Persönlichkeit und Humor der Autor:innen wider, mit eigenständigem Blickwinkel auf das Thema.

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Hier gehts zum PDF: Dickpics werden strafbar

Dickpics werden strafbar

Aber wie genau kann man sich eigentlich gegen Online-Hass wehren?

Stalking, Hate Speech, Dickpics – viele Menschen machen online auch negative Erfahrungen. Aktuelle repräsentative Studien dazu, wie häufig solche Fälle in Österreich vorkommen, gibt es nicht; wenn man Medienberichten und privaten Anekdoten Glauben schenkt, sind die Zahlen dazu jedoch erstaunlich hoch. Auch Medienschaffende sind immer wieder Anfeindungen ausgesetzt.
Der Umgang mit diesen Erfahrungen ist mitunter schwierig und kräftezehrend, rechtliche Schritte sind aufwändig, langwierig und zum Teil schlicht nicht möglich.

Die gute Nachricht: Da tut sich gerade was!

Studienauswahl

Anmerkung: Die große Mehrheit der Forschungsprojekte beschäftigt sich speziell mit Frauen und Minderjährigen. Spezifische Erfahrungen von Männern werden hingegen kaum erforscht.

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt befragten das Forschungszentrum Menschenrechte der Universität Wien sowie der Weiße Ring (Verbrechensopferhilfe) über 1.000 Frauen und Mädchen zu ihren Erfahrungen. Das Ergebnis: Rund ein Drittel (32%) der Befragten gab an, innerhalb des letzten Jahres mindestens einmal Gewalt im Netz erlebt zu haben.

Der Mediendienst Integration veröffentlichte 2020 die Studie „Hass und Angriffe auf Medienschaffende“. Das Ergebnis: In Deutschland sind Journalist:innen stark betroffen. Rund 60% der Befragten wurden eigenen Angaben zufolge in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal angegriffen.

Ein Forschungsteam der FH Campus Wien untersucht in einer 2023 erschienenen Studie die Cyber-Gewalt gegen Frauen durch (Ex-)Partner. Das Ergebnis: Die Auswirkungen sind für die Frauen massiv und nachhaltig (Habringer et al. 2021), die Möglichkeiten zur Gegenwehr begrenzt. Dies liegt unter anderem daran, dass die zuständigen Stellen teilweise wenig für das Thema sensibilisiert sind und Wissen fehlt. Eine Einschätzung, wie viele Frauen betroffen sind, nimmt die Studie nicht vor.

Eine Studie von Reporter ohne Grenzen aus dem Jahr 2021 beschäftigt sich spezifisch mit Sexismus gegenüber Journalistinnen. Das Ergebnis: Wenn geschlechtsspezifische Gewalt ausgeübt wurde, dann vorwiegend im Internet (73%), aber auch physisch am Arbeitsplatz (58%).

Eine aktuelle Studie (2025), durchgeführt vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung, erforscht, wie häufig Jugendliche (11-17 Jahre) in Österreich von sexueller Belästigung im Netz betroffen sind. Das Ergebnis: 51% der befragten Mädchen und 28% der befragten Buben haben mindestens einmal entsprechende Erfahrungen gemacht. Knapp ein Drittel der Jugendlichen bewertet dies als „Teil der digitalen Lebenswelt“.

Ein dreijähriges Forschungsprojekt von ICFJ und UNESCO untersuchte die Online-Gewalterfahrungen von Journalistinnen in 15 verschiedenen Ländern und veröffentlichte die Studie 2022. Das Ergebnis: 73% der Befragten sind online von Gewalt betroffen, 20% erleben in diesem Zusammenhang auch physische Übergriffe.

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Gesetzesänderung

Wer beispielsweise ungefragt Dickpics verschickt, kann in Zukunft dafür bestraft werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Bilder über soziale Medien, per Mail oder in Dating-Apps verbreitet werden – es handelt sich auf jeden Fall um eine Form von sexueller Belästigung.

Geahndet werden kann das Ganze mit einer Freiheitsstrafe bis zu 6 Monaten oder einer Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen.

Grundlage dafür ist eine Gesetzesänderung, die am 1. September 2025 in Kraft tritt.

 „Ebenso ist zu bestrafen, wer eine andere Person belästigt, indem er ihr im Wege einer Telekommunikation oder unter Verwendung eines Computersystems eine Bildaufnahme von Genitalien unaufgefordert und absichtlich übermittelt.“
– § 218 Abs. 1b StGB.

Wie aber müssen Betroffene konkret vorgehen, wenn sie von digitaler Gewalt betroffen sind und dies zur Anzeige bringen wollen? Und was können Medienhäuser gegen sexuelle Belästigung und andere Formen von digitaler Gewalt tun?

Was du tun kannst

✔️ Dokumentiere den Vorfall, indem du Screenshots anfertigst und lokal abspeicherst. Schreib am besten auch die genauen Daten von Absender:in und Empfänger:in, konkrete Angaben zur Plattform sowie Datum und Uhrzeit auf.

✔️ Such dir Unterstützung und lass dich beraten. Mögliche Anlaufstellen sind zum Beispiel der Opfernotruf und die Gleichbehandlungsanwaltschaft. Beide sind auch per E-Mail und telefonisch erreichbar. Es gibt auch Angebote speziell für Frauen und für Männer.

✔️ Erstatte Anzeige bei der Polizei. Das kannst du direkt bei einer Polizeidienststelle oder sogar per E-Mail machen. Die Polizei empfiehlt jedoch die persönliche Variante, weil sie dann direkt Nachfragen stellen und tätig werden kann. Je besser du den Vorfall dokumentiert hast, desto besser stehen deine Chancen auf Erfolg.

❌ Schicke die Inhalte auf keinen Fall weiter, auch wenn du anderen „nur“ zeigen willst, was dir passiert ist. Im schlimmsten Fall machst du dich damit selbst strafbar.

Was Medienhäuser tun können

Viele Befragten der ICJF-Studie fühlten sich während ihrer Gewalt-Erfahrung verzweifelt und allein gelassen. Medienhäuser sind jedoch nicht nur Content Producers, sie sind auch Schutzräume – oder sollten es zumindest sein. Wenn du in deinem Team oder Haus Veränderungsbedarf siehst: Sprich es an! Teil der Lösung sein heißt auch, Strukturen zu hinterfragen.

„Many of the journalists interviewed for this study expressed exasperation and a sense of abandonment by their employers when they were in the midst of an online violence storm, even when there were credible threats of offline violence associated with these attacks.“ – a ICJF 2022, S.131

Damit das einfacher gelingt, machen wir dir in  Anlehnung an das International Center for Journalists (ICJF) konkrete Vorschläge, wie Medienunternehmen digitaler Gewalt erfolgreich begegnen können.

Schritt 1: Die Realität anerkennen

💡Medienunternehmen sind online ebenso für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter:innen verantwortlich wie offline. Es gilt die Fürsorgepflicht.

Schritt 2: Die Prävention stärken

💡 Klare Richtlinien aufstellen    
Wer ist zuständig, wenn digitale Gewalt passiert? Was zählt überhaupt dazu? Und was passiert dann? Diese Fragen brauchen Antworten – schriftlich, verständlich, für alle zugänglich.

💡 Anlaufstellen schaffen
Betroffene brauchen klare Wege zur Hilfe, ohne Angst vor Nachteilen. Wer diese Wege betreut, muss geschult und empathisch sein.

💡 Medienkompetenz stärken     
Nicht jede Redaktion muss zur Digital-Unit werden, aber Grundlagen zu Datenschutz, digitaler Selbstverteidigung und Deeskalation gehören heute in jedes Redaktionstraining.

💡 Risiken mitdenken        
Ihr plant einen investigativen Beitrag, ein kontroverses Interview oder einen Social-Media-Stunt? Dann gehört eine Risikoabschätzung dazu, und zwar nicht nur technisch, sondern auch psychisch und körperlich.

💡 Kommentarspalten managen 
Community-Management braucht Regeln – und Leute, die sie durchsetzen können. Wenn’s zu viel wird: Kommentarfunktion gezielt drosseln oder abschalten. Kein Grund zur Panik, sondern aktiver Schutz.

💡 Psychologische Hilfe anbieten
Manche Angriffe hinterlassen Spuren. Supervision, Einzelgespräche, Coaching: Was auch immer hilft, sollte niedrigschwellig verfügbar sein.

Schritt 3: Richtig reagieren

💡 Sicherheit schaffen     
Online-Hass kann in reale Gefahr umschlagen. Wenn’s brenzlig wird: Unterbringung an einem sicheren Ort prüfen.

💡 Rückendeckung organisieren
Private Accounts deaktivieren, juristische Beratung einholen, konstantes Monitoring. Oft brauchen Betroffene aktive Hilfe im Hintergrund.

💡 Öffentliche Solidarität zeigen
Kein „Wir halten uns da raus“. Wenn ein Angriff passiert, heißt’s Haltung zeigen. Eine klare Stellungnahme von oben kann mehr Schutz bedeuten als jedes Sicherheitstool.

💡 Dokumentation nicht vergessen
Screenshots, Links, Uhrzeiten – alles sichern! Nicht nur fürs Verfahren, sondern auch, um intern zu lernen: Was hat funktioniert, was nicht?

💡 Juristische Unterstützung anbieten
Ob Anzeige oder Unterlassung: Rechtsschutz darf nicht an der Kostenfrage scheitern. Klare Vereinbarungen helfen.

💡 Wenn nötig Anzeige erstatten           
Das Unternehmen kann und soll federführend agieren, wenn es die Lage erfordert, jedoch immer in Abstimmung mit der betroffenen Person.

 

Q&A

Wir haben mit einer Juristin über das Thema gesprochen und ihr einige Fachfragen gestellt. Hier sind ihre Antworten.
Achtung: Es handelt sich hier um eine allgemeine Einschätzung und um keine verbindliche rechtliche Auskunft! 

Welche Straftatbestände können im Zusammenhang mit digitaler Gewalt greifen?

Hass im Netz kann sich auf vielfältige Weise darstellen. Hasspostings im Internet können auch verschiedene Straftatbestände erfüllen. In Betracht kommen dabei neben Straftatbeständen des Verbotsgesetzes 1947 insbesondere folgende Delikte des österreichischen Strafgesetzbuches (StGB):

Gibt es hier einen Unterschied zwischen Privatpersonen und Unternehmen?

Von „Hass im Netz“ wird nur der höchstpersönliche Lebensbereich einer Person geschützt, über den nur natürliche Personen verfügen. Juristische Personen könnten sich etwa über § 1330 ABGB (Kreditschädigung) Abhilfe schaffen.

Kommt dem Arbeitgeber eine Verpflichtung zu?

Neben der von Hass im Netz betroffenen Person selbst kann auch die/der Arbeit- oder Dienstgeber:in gegen die Persönlichkeitsrechtsverletzung (das Hassposting) gerichtlich vorgehen.

Wenn Hasspostings gegen Mitarbeiter:innen in Zusammenhang mit deren Arbeit gerichtet sind, steht unter bestimmten Voraussetzungen auch der/dem Arbeit- oder Dienstgeber:in die Klage offen. Das ist der Fall, wenn das Hassposting geeignet ist, entweder

  • die Möglichkeiten der Arbeit- oder Dienstgeber:in, die/den Mitarbeiter:in einzusetzen, nicht unerheblich zu beeinträchtigen, oder
  • das Ansehen der Arbeit- oder Dienstgeber:in erheblich zu schädigen.

Wichtig ist: Es gibt dazu keine Verpflichtung der Arbeit- oder Dienstgeberin. Wenn die Arbeit- oder Dienstgeber:in sich aber dazu entscheidet, dann bedarf es auch keiner Einwilligung des/der Mitarbeiter:in.

Was kann ein Unternehmen tun, wenn es immer wieder mit Hasspostings und bösartigen Kommentaren konfrontiert ist?

Wie eingangs ausgeführt, kann sich „Hass im Netz“ ganz unterschiedlich gestalten und hat viele Erscheinungsformen, die sich auch stetig weiterentwickeln. Dementsprechend gibt es auch keine rechtliche einheitliche Definition oder Abgrenzung. Hasspostings im Internet können somit auch verschiedene zivilrechtliche, aber auch strafrechtliche Straftatbestände erfüllen.

Das Hass-im-Netz-Bekämpfungs-Gesetz (HiNBG) BGBl I 2020/148 enthält zivilrechtliche, medienrechtliche und strafrechtliche Maßnahmen zur leichteren Entfernung so genannter Hasspostings aus den Foren sozialer Netzwerke.

Mit dem Gesetzespaket „Hass im Netz“ hat der österreichische Gesetzgeber ein zivilgerichtliches Sonderverfahren vorgesehen, das auf die Eigenheiten von Hasspostings Rücksicht nehmen soll. Aufgrund der Verbreitung im Internet verlangt ein Vorgehen gegen Hasspostings nämlich insbesondere ein schnelles Vorgehen und rasche Abhilfe: Dazu wurde ein „Eilverfahren“ für massive Fälle von Persönlichkeitsrechtsverletzungen zur Verfügung gestellt.

Dabei handelt es sich um ein Gerichtsverfahren, mit dem Betroffene rasch und kostengünstig bestimmte rechtsverletzende Inhalte (etwa Texte, Postings, Bilder) aus dem Internet beseitigen können. Dazu kommt es dann, wenn durch die betreffenden Inhalte die Persönlichkeitsrechte erheblich (nämlich in einer die Menschenwürde beeinträchtigenden Weise) verletzt werden.

Weitere Infos und Hilfe dazu gibt’s hier.

Nach dem Mediengesetz (MedienG) kann das Opfer von Hass im Netz unabhängig oder zusätzlich zu einem Straf- oder Zivilverfahren verschiedene Ansprüche geltend machen. Diese können sich aus Veröffentlichungen in Medien ergeben. Dazu zählen etwa Zeitungen, Bücher und Zeitschriften, aber auch Online-Medien wie Websites, Blogs, soziale Netzwerke, Video-Kanäle oder Podcasts.

Für Opfer von Hass im Netz sind dabei insbesondere das selbständige Entschädigungsverfahren (§ 8a MedienG) und das Verfahren zur Einziehung und/oder Urteilsveröffentlichung (§§ 33, 34 MedienG) von Bedeutung.

Wie lange dauert es durchschnittlich, bis ein Verfahren abgeschlossen ist? Und wie wahrscheinlich ist es, dass der/die Täter:in zur Verantwortung gezogen wird?

Verfahrensdauer und Erfolgschancen richten sich immer nach dem Verfahren. Das (zivilgerichtliche) Eilverfahren soll bewusst schnelle Abhilfe schaffen und wurde gerade aufgrund der potenziell längeren Verfahrensdauer von Gerichtsverfahren vorgesehen. Eine Statistik zu den abgeführten Verfahren wurde – soweit ersichtlich – bislang nicht veröffentlicht. Höchstgerichtliche (und damit veröffentlichte) Entscheidung sind zuteil teilweise ergangen.

 

Infos & Quellen

Kontext

Hass im Netz ist nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein medienkompetenzbezogenes Problem. Denn wer Medien macht, muss digitale Räume verstehen. Und das schließt auch ihre Risiken mit ein. Medienkompetenz bedeutet in diesem Kontext also: Gefahren erkennen, sicher handeln und andere darin schulen können. Sie ist die Grundlage, um digitale Gewalt nicht nur zu überstehen, sondern ihr aktiv etwas entgegenzusetzen.

Quellen

Bundesministerium Justiz: https://www.bmj.gv.at/themen/Fokusthemen/gewalt-im-netz/Zivilrechtlicher-Schutz/Das-Mandatsverfahren.html.

Gleichbehandlungsanwaltschaft: https://www.gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at/.

Kontrast.at: https://kontrast.at/dickpic-paragraf-oesterreich/.

Menschen machen Medien; Annika Schubert (2023): https://mmm.verdi.de/beruf/digitale-gewalt-gegen-journalistinnen-93193/.

Ombudsstelle: https://www.ombudsstelle.at/hass-im-netz/wie-mache-ich-eine-strafanzeige/.

Stadt Wien: Datenlage zu Cyber-Gewalt: https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/gewalt/kampagnen/cyber-gewalt/datenlage.html#:~:text=Neben%20der%20EU%20%2DStudie%20gaben,BIM%2C%20Wei%C3%9Fer%20Ring%202018.

Strafgesetzbuch, § 218: https://www.ris.bka.gv.at/NormDokument.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10002296&Paragraf=218.

Erläuterungen Strafgesetzbuch, § 218 Abs. 1b: https://www.bmj.gv.at/dam/jcr:b4717513-c9bd-4da3-afa5-b30c89ba84d2/Erl%C3%A4uterungen%20StGB_%C3%84nderung.pdf.

Studien

Habringer, Magdalena; Hoyer-Neuhold, Andrea & Messner, Sandra (2021). (K)ein Raum. Cyber-Gewalt gegen Frauen in (Ex-)Beziehungen. Forschungsbericht. https://digital.obvsg.at/obvfcwacc/download/pdf/8718964

Forschungszentrum Menschenrechte & Weisser Ring Opferschutzhilfe (2018). esc. Gewalt im Netz gegen Frauen & Mädchen in Österreich.

ICJF (2022). The Chilling: A Global Study On Online Violence Against Women Journalists. Hrsg. v. Julie Posetti und Nabeelah Shabbir. https://www.icfj.org/our-work/chilling-global-study-online-violence-against-women-journalists.

Mediendienst Integration & IKG. Papendick, Michael; Rees, Yann; Wäschle, Franziska & Zick, Andreas (2020). Hass und Angriffe auf Medienschaffende. Eine Studie zur Wahrnehmung von und Erfahrungen mit Angriffen auf Journalist*innen. https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Studie_Hass_und_Angriffe_auf_Medienschaffende.pdf.

RSF Reporter ohne Grenzen (2021). Wie Sexismus Journalistinnen bedroht. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Berichte/2021/RSF_Frauentag_2021_Sexismus_Journalismus.pdf.

Saferinternet (2025). Sexuelle Belästigung Online. Durchgeführt vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung. https://www.saferinternet.at/news-detail/neue-studie-jugendliche-von-sexueller-belaestigung-im-internet-betroffen.

 

Hier gehts zum PDF: Hate Speech: Wer verbreitet Hass

Ein Blick auf neue Studienergebnisse

Ob als Kommentar unter einem Zeitungsartikel oder im TikTok-Feed: Hate Speech ist längst Teil unseres digitalen Alltags. Wie verbreitet Hasspostings sind, zeigt eine aktuelle Studie von Hutzinger und Weitzl (2025).

  • 18 % der Menschen in Österreich haben in den letzten 12 Monaten Hasspostings veröffentlicht
  • 37 % der regelmäßig Postenden waren in diesem Zeitraum mit Hate Speech beteiligt
  • 8 % hatten bereits eine Account-Sperre – mutmaßlich wegen Hassverhaltens

Demnach haben 18 Prozent der Menschen in Österreich zwischen 16 und 75 Jahren in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Hass in sozialen Medien verbreitet – ein alarmierender Befund. Besonders bemerkenswert: Unter jenen, die regelmäßig posten, ist der Anteil sogar doppelt so hoch (37 %). Gleichzeitig wurde rund 8 % der Nutzer:innen bereits ein Account gesperrt – mutmaßlich aufgrund von Hassverhalten.

Doch wer postet solche Inhalte eigentlich und aus welchen Motiven? Um diesen Fragen nachzugehen, haben die Forschenden zwei repräsentative Online-Studien durchgeführt. Ihr Fokus lag nicht (wie häufig üblich) auf den Betroffenen oder Beobachter:innen von Hate Speech, sondern gezielt auf den Täter:innen. Analysiert wurden dabei sowohl die Häufigkeit der Hasskommentare als auch das Ausmaß deren inhaltlicher Hasserfülltheit.

Persönlichkeit schlägt Demografie

Das überraschende Ergebnis: Weder Alter, Geschlecht oder Bildungsgrad noch politische Orientierung sagen verlässlich voraus, wer Hasspostings schreibt. Stattdessen ist die individuelle Persönlichkeit entscheidend: Wer besonders zynisch, gefühllos (Psychopathie), machtorientiert (Machiavellismus) oder auf Aufmerksamkeit aus (Narzissmus) ist, verfasst nicht nur häufiger Hassbotschaften. Diese sind auch deutlich hasserfüllter. Einziger demografischer Effekt: Mit zunehmendem Alter nimmt der Hassgehalt ab.

Hass aus Rache und für Likes

Auch die Motive der Hater:innen geben Einblicke in deren Logik: Als häufigste Gründe für Hasspostings werden ideologische Überzeugungen genannt, gefolgt von Rache, Erheiterung, dem Wunsch nach Zugehörigkeit zur Gruppe und dem Streben nach Status. Was viele unterschätzen: Positive Rückmeldungen (also Likes, Shares oder zustimmende Kommentare) wirken wie ein Verstärker. Wer für seine Hasspostings digitale Zustimmung erhält, postet mit hoher Wahrscheinlichkeit auch künftig weiter.

Löschen hilft? Eher nicht

Eine weitere brisante Erkenntnis: Wird ein Hasskommentar gelöscht, erhöht sich das Risiko, dass der oder die Verfasser:in künftig noch mehr Hass verbreitet. Ein bloßes Entfernen solcher Inhalte greift also womöglich zu kurz – und kann sogar kontraproduktiv sein.

Was bedeutet das für Medienschaffende?

Medienunternehmen stehen damit vor einem Dilemma. Sie müssen Betroffene schützen und gleichzeitig vermeiden, Täter:innen durch Löschungen noch weiter zu radikalisieren. Dazu braucht es zum einen mehr Forschung, denn nur durch ausreichende Kenntnis der Sender:innen-Perspektive ist es möglich, effektive Maßnahmen gegen Hate Speech zu ergreifen. Wer wirkungsvoll gegen Hass im Netz vorgehen will, muss mehr über die Menschen wissen, die ihn verbreiten. Zum anderen müssen sich auch Medienschaffende intensiv mit dem Thema beschäftigen und neue Strategien im Umgang mit Hate Speech entwickeln. Zudem kann Medienkompetenz helfen, Hass im Netz früh zu erkennen, einzuordnen und wirksam dagegen vorzugehen. Wer versteht, wie Hate Speech funktioniert, welche Dynamiken sie auslöst (etwa durch Likes oder algorithmische Sichtbarkeit), kann bewusst gegensteuern, statt ungewollt zur Verbreitung beizutragen.

Medienhäuser, Medienschaffende, Individuen, Plattformen, Politik und die Gesellschaft als Ganzes müssen dazu gemeinsam Verantwortung übernehmen. Nur wenn Wissen, Haltung und Handlungskompetenz zusammenkommen, lässt sich Hate Speech langfristig und nachhaltig eindämmen.

Umgang mit Hate Speech
  • Solidarität zeigen: Like oder kommentiere unterstützend unter dem betroffenen Beitrag. Das zeigt der Person: Sie ist nicht allein.
  • Nicht weiterverbreiten: Teile Hassinhalte nicht – auch nicht, um dich darüber aufzuregen. Jeder Klick erhöht die Sichtbarkeit.
  • Community aktiv moderieren: Netiquette formulieren, Regeln durchsetzen, Grenzen benennen.
  • Langfristig denken: Entwickle gemeinsam mit Kolleg:innen Strategien, wie mit wiederkehrenden Täter:innen oder gezielten Angriffen umzugehen ist.

Weitere Tipps findest du hier.

Infos & Quellen

Kontext:

Hate Speech stellt eine Herausforderung für die Medienkompetenz dar, weil sie gezielt Emotionen manipuliert, diskriminiert und die Grenzen zwischen Meinung und Menschenfeindlichkeit verwischt. Wer medienkompetent ist, kann solche Inhalte erkennen, einordnen und verantwortungsvoll damit umgehen – sowohl als Konsument:in als auch als Produzent:in.

Quellen:

Hutzinger, C. und Weitzl, W. 2025: Hate Speech auf österreichischen und deutschen Nachrichtenportalen (RTR Kurzbericht): (Microsoft Word – Kurzbericht für Projekt Hate Speech auf österreichischen und deutschen Nachrichtenportalen 28.2.2025..docx).
Anmerkung: Hierbei handelt es sich um einen Zwischenbericht. Auf Anfrage teilte der Studienleiter mit, dass eine wissenschaftliche Publikation in Arbeit und weitere Veröffentlichungen geplant seien.

Neue deutsche Medienmacher:innen e.V.: https://neuemedienmacher.de/no-hate-speech-movement/.

Neue deutsche Medienmacher:innen e.V.: Wetterfest durch den Shitstorm. Leitfaden für Medienschaffende zum Umgang mit Hass im Netz.  https://neuemedienmacher.de/fileadmin/dateien/PDF_Borschueren-Infomaterial-Flyer/Leitfaden_gegen_Hassrede_2022.pdf.

Hier gehts zum PDF:  Medienkompetenz, Social Media und Demokratie

Medienkompetenz, Social Media und Demokratie

Digitale Medien prägen nicht nur, wie Menschen die Welt wahrnehmen, sondern auch, wie sie Demokratie verstehen und leben. In dieser komplexen Beziehung zwischen Mediennutzung, politischem Bewusstsein und gesellschaftlicher Teilhabe spielt Medienkompetenz eine zentrale Rolle.  

Medienkompetenz befähigt Bürger:innen, sich souverän, kritisch und informiert im digitalen Raum zu bewegen

Damit wirkt sie sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene stabilisierend für die Demokratie. 

Die Power von Medienkompetenz 

Menschen mit hoher Medienkompetenz können Nachrichten einordnen, journalistische Qualität von Desinformation unterscheiden und Kommunikationsstrategien durchschauen. Sie lassen sich weniger leicht manipulieren, erkennen emotionale Appelle und sind sich der Funktionsweise algorithmischer Strukturen bewusst. So können sie informierte Wahlentscheidungen treffen und einen Beitrag zu einer faktenbasierten Debattenkultur leisten 

Medienkompetenz schützt nicht nur die Wahlfreiheit, sondern ermöglicht auch neue Formen der politischen Teilhabe.

Diese Teilhabe wird durch soziale Netzwerke, Kommentarspalten oder andere digitale Beteiligungsplattformen möglich. 

Tatsächlich können digitale Medien die politische Mobilisierung und Wahlbeteiligung fördern. Sie bieten ein vielfältigeres Nachrichtenangebot, können Meinungsfreiheit und Transparenz stärken und ermöglichen es Menschen, sich unkompliziert über politische Prozesse zu informieren und daran teilzunehmen.

Die positive Folge: demokratische Legitimation und Partizipation werden gestärkt, besonders in Gruppen, die über klassische Kanäle schwer erreichbar sind. 

Negative Effekte von digitalen Medien 

Doch die Effekte sind ambivalent – neben den positiven Möglichkeiten, die digitale Medien mit sich bringen, können sie auch negative Konsequenzen haben.  

Digitale Medien können etwa zu Bequemlichkeit verleiten. 

Viele Nutzer:innen verlassen sich darauf, dass ihnen relevante Inhalte „zufällig“ begegnen, statt sich aktiv zu informieren. 

Diese passive Nutzung erhöht die Anfälligkeit für einseitige Informationen und senkt die Bereitschaft, andere Perspektiven zuzulassen.  

Gleichzeitig sinkt in Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in klassische Medien, politische Institutionen und demokratische Prozesse insgesamt. Populistische und nationalistische Tendenzen gewinnen an Boden, insbesondere dann, wenn Emotionen hervorgerufen werden sollen oder wenn gezielt Desinformationen verbreitet werden. Die ständige Verfügbarkeit und nicht bewältigbare Menge von Nachrichten führt außerdem dazu, dass manche Menschen diese gezielt vermeiden – sei es aus Überforderung mit den Inhalten oder den Emotionen, die davon ausgelöst werden. 

Die Rolle von Algorithmen ist dabei nicht zu unterschätzen. Zwar zeigen empirische Studien, dass Filterblasen weniger strikt wirken, als oft vermutet – Nutzer:innen stoßen durchaus auf abweichende Meinungen. Algorithmische Strukturen tragen aber dazu bei, dass mit politischen Nachrichten vor allem Menschen erreicht werden, die ohnehin schon politisch interessiert sind. Wer sich hingegen nicht sowieso schon für Politik interessiert, bleibt außen vor.  

Dadurch entstehen soziale und politische Klüfte, die durch Echokammern und radikalisierende Milieus weiter verstärkt werden können. 

Auch Qualitätsstandards sind in der digitalen Informationswelt nicht überall gegeben.  Zwischen professionellem Journalismus, privaten Meinungsäußerung und strategischer Desinformation verschwimmen die Grenzen zunehmend.  

Für Nutzer:innen ist es nicht immer einfach zu erkennen, mit was sie es im konkreten Fall zu tun haben.  

Wer nicht über ausreichende Medienkompetenz verfügt, kann diese Unterschiede nur sehr schwer erkennen – und wird damit anfällig für verzerrte oder manipulierte Darstellungen. Das betrifft vor allem Menschen, die digitale Medien weitgehend automatisch und unbewusst konsumieren. 

Was tun? 

Wie eingangs bereits erwähnt, liegt in der Förderung von Medienkompetenz ein großes demokratisches Potenzial. Sie schärft Bewertungs- und Reflexionskompetenzen und fördert Perspektivenvielfalt.  

So schützt ein hohes Maß an Medienkompetenz vor Manipulation und macht Menschen in einer komplexen Welt handlungsfähig

Medienkompetente Bürger:innen tragen aktiv zur Stabilität demokratischer Gesellschaften bei – zum Beispiel indem sie sich beteiligen, Widersprüche aushalten, Debatten suchen und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen.  

Digitale Medien sind damit weder gut noch schlecht. Ihr Einfluss hängt entscheidend davon ab, wie Menschen mit ihnen umgehen – und ob sie in der Lage sind, ihre Chancen zu nutzen, ohne ihren Gefahren zu erliegen.  

Medienkompetenz ist kein Nice-tohave, sondern die Basis für Demokratie.

Infos & Quellen 

Kontext

Medienkompetenz befähigt Menschen dazu, Inhalte in sozialen Medien kritisch zu bewerten, Desinformation zu erkennen und verschiedene Perspektiven einzuordnen. Dadurch können sie sich fundiert an politischen Diskussionen beteiligen und tragen zu einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit bei. Ohne diese Kompetenz jedoch verstärken soziale Medien Tendenzen wie Polarisierung, Populismus und gesellschaftliche Spaltung.

Quellen

Demokratie-Zentrum Wien: https://www.demokratiezentrum.org/bildung/methodisch-didaktisch/neue-medien-im-unterricht/demokratie-und-neue-medien/ 

Erwachsenenbildung.at: https://erwachsenenbildung.at/themen/kritische-medienkompetenz/grundlagen/gesellschaftliche-und-politische-rahmenbedingungen-kritischer-medienkompetenz.php  

Max-Planck-Institut: https://www.mpg.de/19474069/1108-bild-wie-gefaehrlich-sind-digitale-medien-fuer-die-demokratie-149835-x 

Politische Medienkompetenz: https://www.politische-medienkompetenz.de/debatte/demokratie-und-medien/ 

 

Hier gehts zum PDF: Medienvertrauen & Medienskepsis

Medienvertrauen & Medienskepsis

Die kritische Auseinandersetzung mit Medien hat eine lange Tradition. In Demokratien spielen Medien eine zentrale Rolle: Sie fungieren als Vierte Gewalt und kontrollieren staatliche Institutionen. Gleichzeitig sind sie aber auch selbst Gegenstand kritischer Betrachtung.
Skepsis bzw. eine kritische Einstellung zu Medien kann als Teil einer reflektierten Haltung gegenüber gesellschaftlichen Institutionen verstanden werden – ein Merkmal funktionierender Demokratien, in denen Bürger die Freiheit haben, (staatliche) Institutionen zu hinterfragen.

„Eine skeptische oder misstrauische Haltung gegenüber Medien lässt sich auch als Ausdruck einer kritischen Haltung gegenüber gesellschaftlichen Institutionen interpretieren – etwas, was in liberalen Demokratien von Staatsbürgern durchaus erwartet werden kann.“ (Blöbaum 2021, S. 92)

Vertrauen in Medien ist zudem auch deswegen essenziell für demokratische Gesellschaften, weil es die Grundlage für informierte Entscheidungen und gesellschaftlichen Austausch bildet. Studien wie der World Value Survey und die European Value Study zeigen jedoch, dass Vertrauen in Medien nicht einfach konstant vorhanden ist, sondern von verschiedenen Faktoren abhängt. Dabei fällt auf, dass der vielfach postulierte Vertrauensverlust nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betrifft. Insbesondere besteht ein starker Zusammenhang zwischen Politik- und Medienvertrauen: Menschen, die politische Eliten ablehnen, neigen eher dazu, auch Medien kritisch zu sehen.

Medienskepsis

Als Gegenpol zu Vertrauen wird häufig Misstrauen genannt. Allerdings zeigen Studien, dass Vertrauen und Misstrauen in Medien parallel auftreten können. Blöbaum schlägt deswegen die Einführung des Konzepts „Medienskepsis“ vor.

Medienskepsis beschreibt eine kritische Haltung gegenüber Medien, die nicht zwangsläufig mit generellem Misstrauen einhergeht.

Medienskeptiker:innen finden sich in allen sozialen Gruppen und haben vielfältige Gründe für ihre Haltung. Dazu zählen die selektive Auswahl von Themen durch Medienschaffende, der Eindruck, Medien seien Teil einer gesellschaftlichen Elite, sowie der Vorwurf eines „Erziehungsjournalismus“, der den Eindruck erweckt, dass Journalist:innen eine bestimmte Meinung vorgeben wollen. Außerdem wird häufig kritisiert, dass Medien ihrer Aufgabe, Kritik an Wirtschaft und Politik zu üben, nicht ausreichend nachkommen.

Ursachen von Medienskepsis

Medienskepsis entwickelt sich häufig schrittweise. Etwa ein Drittel der Befragten nennt konkrete Themen als Auslöser für ihre kritische Haltung, während persönliche Erfahrungen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dabei bedeutet Skepsis nicht automatisch eine generelle Ablehnung von Medien:

Viele Medienskeptiker:innen meiden journalistische Angebote nicht vollständig, sondern weichen auf alternative Informationsquellen aus.

Dies unterstreicht, dass Medienkritik nicht zwangsläufig mit einer vollständigen Abwendung von journalistischen Inhalten einhergeht.

Ein differenziertes Bild zeigt sich auch in der Haltung der Befragten:
Viele Skeptiker:innen sind ambivalent eingestellt und erkennen beispielsweise institutionelle Zwänge im Journalismus an. Vertrauen und Misstrauen existieren häufig parallel – einzelne Inhalte oder Beiträge werden kritisch betrachtet, ohne dass dies zwangsläufig auf das gesamte Mediensystem übertragen wird.

Konsequenzen für Medienschaffende

Diese Ergebnisse zeigen, dass viele Skeptiker:innen nicht unwiderruflich „verloren“ sind. Um das Vertrauen in Medien zu stärken, sind verschiedene Maßnahmen denkbar, zum Beispiel:

  • Transparenz: Eine verstärkte Offenlegung journalistischer Prozesse kann das Verständnis und Vertrauen der Nutzer:innen fördern. Wie werden Themen ausgewählt? Welche Quellen werden verwendet? Wie läuft die Recherche ab?
  • Interaktion: Mehr Austausch zwischen Medienschaffenden und Nutzer:innen kann dazu beitragen, Distanzen zu überwinden und gegenseitiges Verständnis zu fördern.
  • Vielfalt: Eine breitere Repräsentation von Perspektiven und gesellschaftlichen Gruppen kann dazu beitragen, dass sich mehr Menschen von der Berichterstattung angesprochen fühlen.

Medienvertrauen ist kein statischer Wert, sondern wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Konzept der Medienskepsis bietet daher eine gute Möglichkeit, die Beziehung zwischen Medienschaffenden und Nutzer:innen langfristig zu verbessern und das Vertrauen in Medien zu stärken.

 

Infos & Quellen

Kontext

Medienvertrauen und Medienkompetenz sind eng miteinander verknüpft: Nur wer versteht, wie Medien arbeiten, kann Berichterstattung richtig einordnen und zwischen fundierter Information und gezielter Manipulation unterscheiden. Kritische Mediennutzung bedeutet daher nicht blindes Vertrauen, sondern eine reflektierte, informierte Haltung.

Quellen

Blöbaum, A. 2020. Medienvertrauen und Medienskepsis. Theoretische Grundlagen und empirische Evidenzen. In: Astrid Blome, Tobias Eberwein und Stefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.) (2020): Medienvertrauen. Historische und aktuelle Perspektiven. München: De Gruyter.

Hanitzsch, T., Van Dalen, A. und Steindl, N. 2018. Caught in the Nexus: A Comparative and Longitudinal Analysis of Public Trust in the Press. In: The International Journal of Press/Politics, S. 3-23. https://epub.ub.uni-muenchen.de/66257/1/1940161217740695.pdf.

Berichterstattung, die nicht den eigenen Überzeugungen und Ansichten entspricht, wird von vielen Menschen als schlechter Journalismus empfunden. Das sagt Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Um junge Menschen mit Medienprodukten zu erreichen, führe kein Weg an Online vorbei.123

Im Internet begegnet man Publikationen hoher journalistischer Qualität ebenso wie Clickbait, also Inhalten, die vor allem möglichst viel Interaktion generieren sollen: Anhand welcher Merkmale erkennt man Qualitätsjournalismus?

George Orwell hat einmal notiert, dass alle Propaganda lügt, auch wenn jemand die Wahrheit sagt. Journalistinnen und Journalisten glauben oft, Wahrheiten zu liefern, produzieren aber Propaganda. Das kann durch eine Beobachtung des Linguisten Noam Chomsky erklärt werden: Medienunternehmerinnen und -unternehmer stellen gerne Leute ein, deren politische, ökonomische und religiöse Auffassungen mit ihren eigenen übereinstimmen. Der so produzierte „Qualitätsjournalismus“ ist in Warheit Propaganda für die Unternehmen.

Was zeichnet Qualitätsjournalismus aus?

Jeder Mensch hält das für guten Journalismus, was seinem Geschmack entspricht. Bürgerlich kapitalistisch gesinnte Menschen werden als Marktsegment von Journalistinnen und Journalisten mit ähnlichem Geschmack adressiert und halten das für gute Praxis.
Produkte, die sich an Menschen mit national-faschistischem, proletarisch-kommunistischem oder prekär-anarchistischem Geschmack wenden, werden dann als schlechte Praxis begriffen. Da das umgekehrt genauso gilt, besteht innerhalb der jeweiligen Gruppe Konsens darüber, dass Journalismus, der für andere Marktsegmente produziert wird, schlecht sei.

Welche Rolle spielt Qualitätsjournalismus, wenn Desinformation, Filterblasen und Algorithmen immer mehr Raum einnehmen? Ist er aktuell notwendiger denn je?

Qualitätsjournalismus ist eine Filterblase. Das Wort wird im Marketing für Menschen mit bürgerlich-kapitalistischer Einstellung verwendet, und um den Geschmack dieses Marktsegments zu treffen, führen Journalistinnen und Journalisten Filteralgorithmen aus. Explizite Filterkriterien finden sich in Redaktionsstatuten und Geschäftsbedingungen von Medienunternehmen, während implizite Kriterien in der Nachrichtenwerttheorie beschrieben werden. Ein Beispiel für letztere ist der „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“-Filter: Schlechte Nachrichten haben einen höheren Verkaufswert als gute. Diese Filter zu kennen ist aktuell wichtiger denn je.

Wie lassen sich Informationen in einem journalistischen Beitrag verifizieren und falsifizieren?

Entscheidend ist, sich gewisser Medienrealitäten bewusst zu sein. Gut etablierte Möglichkeiten zur Untersuchung von Medienrealitäten sind ideologiekritische Analysen und Diskursanalysen. In den Blick genommen werden dabei die mit einer bestimmten Information verbundenen Interessen. Wenn klar ist, ob mit einer Information wissenschaftliche, journalistische, politische, ökonomische oder religiöse Interessen zum Ausdruck gebracht werden, kann sie besser eingeschätzt werden. Das ist nicht immer einfach – ein journalistischer Bericht über eine wissenschaftliche Information ist eben keine wissenschaftliche Information, sondern eine journalistische. Meist genügt es aber schon, sich zunächst zu fragen, wer was zu wem durch welchen Kanal zu welchem Zweck gesagt hat. Medienkonsumentinnen und -konsumenten können nur durch eigenes Denken zu einer Einschätzung gelangen.

„Journalistinnen und Journalisten glauben oft, Wahrheiten zu liefern, produzieren aber Propaganda.“

Wie kann Journalismus eine junge Zielgruppe erreichen, die sich vor allem online informiert?

Menschen, die sich primär im Internet informieren, lassen sich klarer Weise am besten über Onlineberichterstattung erreichen. Um dabei Profit zu machen, muss man genau wie konventionelle Medien Marktsegmente in einer Weise adressieren, dass Aufmerksamkeit entsteht, die dann monetarisiert werden kann. Das gelingt umso besser, je mehr den Erwartungen des jeweiligen Zielpublikums und der Struktur des Mediums entsprochen wird:
Für einen Dienst wie Mastodon Reportagen zu schreiben, ist also völlig sinnlos.

Qualitätsjournalismus in sozialen Medien: Nicht mehr als ein frommer Wunsch?

Soziale Medien gehören wie Zeitungen oder Fernseh- und Radiosender in der Regel großen Unternehmen. Ob die „Qualität“ mittels Auflagenhöhe, Einschaltquote oder Klickrate gemessen wird, macht kaum einen Unterschied.

Ist es aktuell so, dass die „fünfte Gewalt“ Internet wesentliche Teile der „vierten Gewalt“ Medien zerstört oder untergräbt?

In parlamentarischen Regierungssystemen werden meistens Exekutive, Judikative und Legislative funktional unterschieden. Diesem
Prinzip der Gewaltenteilung folgt auch die österreichische Verfassung. Es gibt aber Journalistinnen und Journalisten, die es für eine Wahrheit halten, dass sie die „vierte Gewalt“ im Staat repräsentieren. Dass eine staatliche Gewalt durch den
Souverän, also das Volk, in freier, geheimer und gleicher Wahl legitimiert sein muss, wird dabei aber nicht erwähnt.

Das Gespräch führte fit4internet.

Von Clemens Stachel.

Immer mehr Journalistinnen und Journalisten verbreiten ihre Texte, Videos und Podcasts via Social Media. Wie verdienen sie dort ihr Geld? Und haben die „Kleinen“ gegen große Medienhäuser überhaupt eine Chance?

Das Berufsbild der Journalistin und des Journalisten hat sich seit dem Aufstieg der sozialen Medien stark gewandelt. Die Ausspielkanäle und Formate für journalistische Inhalte sind vielfältiger geworden. Gab es früher – vereinfacht gesagt – bloß Zeitung, Radio und TV, findet man professionell produzierten und teilweise hochwertigen Journalismus heute genauso auf Instagram, YouTube oder TikTok. Neben großen Medienhäusern bringen auch immer mehr kleine innovative Medien-Start-ups und unabhängige freie Journalistinnen und Journalisten ihre Werke auf Social Media unter die Leute.

Gleichzeitig hat die Digitalisierung aber auch die Geschäftsmodelle der „alten“ Medien ordentlich durcheinandergewirbelt. Die klassische Finanzierung von Journalismus über den Verkauf eines Medienprodukts und über Werbeanzeigen steckt in der Krise: Erstens wollen weniger Menschen als früher für ihren täglichen Medienkonsum bezahlen, und zweitens zwacken Google und Facebook einen immer größer werdenden Teil des Online-Werbekuchens ab. Es stellt sich also die Frage: Wie finanziert sich der Journalismus auf Social Media? Wie verdienen journalistische Content Creators ihr Geld? Welche Zukunft haben neue Geschäftsmodelle? „Zunächst müssen wir auseinanderhalten zwischen Medienunternehmen und freien Journalistinnen und Journalisten, die auf Social Media als Einzelpersonen auftreten“, sagt Jelena Pantić-Panić. Die Wiener Journalistin hat selbst als „Freie“ viel Erfahrung gesammelt und bietet heute unter der Marke „medien.geil“ Mentorings für junge Kolleginnen und Kollegen an.

„Freie Journalistinnen und Journalisten nützen Social Media, um sich zu präsentieren. So wird etwa deine Instagram-Seite zu deiner persönlichen Visitenkarte, sie wird Teil deines personal brandings. Ich selbst bekomme mittlerweile hundert Prozent meiner Aufträge über meine Instagram-Präsenz.“ Man könne sich also auf Social Media als prägnante journalistische Stimme mit beeindruckender Followerzahl präsentieren, erklärt Pantić-Panić, sein Geld verdiene man dann meist aber doch „über die klassischen Medien“ – indem man etwa von einer Zeitung den Auftrag erhält, einen Artikel zu schreiben.

WER WILL WOFÜR BEZAHLEN?

Erst in den letzten paar Jahren hat sich auch die direkte Bezahlung von Content Creators durch die Konsumentinnen und Konsumenten im großen Stil durchgesetzt. Unabhängige deutschsprachige Journalistinnen und Journalisten haben vor allem in der Plattform Steady einen neuen „Anlegehafen“ gefunden: Hier können sie unkompliziert Abonnements für ihre regelmäßig erscheinenden Arbeiten verkaufen, also etwa für ihre Podcasts, E-Mail-Newsletter, YouTube-Videos oder Instagram-Inhalte. Die sozialen Medien dienen dann als Ausspielkanäle des journalistischen Werks oder einfach „nur“ als Werbefenster zum eigentlichen Medienprodukt, das man ganz woanders erhält. „Der Trend geht eindeutig in Richtung Abos und Pauschalangebote, was unabhängigen Journalismus betrifft“, sagt Jelena Pantić-Panić. „Pay-per-Click- oder Pay-per-Article-Modelle haben sich einfach nie so richtig durchgesetzt.

„Ein Medium, das überwiegend auf Abos setzt statt auf Werbung, ist unabhängiger und hat auch eine größere Planungssicherheit.“

Womit wir bei einem Grundproblem wären: bei der Bereitschaft des Publikums, überhaupt für Journalismus zu bezahlen. „Die ‚Kostenlos Kultur‘ des Internets war aus Sicht des seriösen Journalismus zunächst eine schlechte Entwicklung“, sagt Michael Graßl, Kommunikationswissenschaftler an der Katholischen Universität Eichstätt Ingolstadt in Deutschland. Erst langsam setze sich bei der jüngeren Generation von Medienkonsumentinnen und -konsumenten wieder ein Verständnis dafür durch, dass Qualität im Journalismus nun einmal etwas koste. „Eine medienübergreifende Bezahlplattform, also eine Art ‚Netflix für Journalismus‘, könnte hierfür eine gute Lösung darstellen.“ Noch gibt es eine derartige Plattform im deutschsprachigen Raum jedoch nicht. Das junge Publikum gehe deshalb verstärkt dazu über, „seine“ Journalistinnen und Journalisten direkt zu bezahlen, so Graßl, der Journalismus auf Social Media schon seit Jahren wissenschaftlich erforscht: „Die Entwicklung, die etwa hinter Steady steckt, ist sehr spannend: Ich abonniere genau den Journalismus, der ‚mein‘ Thema behandelt, und kofinanziere so ein kleines Medium oder manchmal sogar nur eine einzelne Journalistin. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dieser Trend den Medienmarkt wirklich in der Breite mitbestimmen kann oder ein Nischenphänomen bleibt.“

So wie sich beim jungen Publikum eine neue Zahlungsbereitschaft breitmache, stellt Michael Graßl fest, gehöre heute auch das Verkaufen und Distribuieren immer selbstverständlicher zum journalistischen Berufsbild. „Der Werkzeugkasten von Kompetenzen, den wir an der Uni angehenden Journalistinnen und Journalisten vermitteln, hat sich in den letzten fünf Jahren stark verändert. Sich selbst und seine Arbeit unentwegt ‚verkaufen‘ zu müssen – das haben die Jüngeren in diesem Feld heutzutage fast schon im Blut.“

DIE BIG-TECH-ZWICKMÜHLE

„Man muss bei der Finanzierung immer wieder auf das sich verändernde Umfeld reagieren“, sagt auch Fritz Jergitsch, Mastermind hinter dem Satireportal „Die Tagespresse“. „Seit dem Start unseres Projekts vor neun Jahren haben wir bereits zweimal unser Geschäftsmodell komplett umgekrempelt – ganz einfach, weil sich die Nutzergewohnheiten im Netz so schnell verändern.“ Jergitsch betreibt zwar kein echtes journalistisches Medium, die Social-Media-Mechanismen von Distribution und Aufmerksamkeit gelten für ihn jedoch genauso. „Das A und O des Geldverdienens über Social Media ist das Kultivieren einer eigenen Community“, sagt er. „Und dass der Content für diese Gruppe Relevanz hat.“ Vor fünf Jahren noch habe sich die „Tagespresse“ zur Gänze über Werbebanner auf der Website finanziert.

„Mittlerweile haben wir das umgedreht: 95 Prozent unseres Umsatzes machen wir durch direkte Leser-Abos. Der Rest kommt aus Merchandising und ein bisschen Werbung.“ Dies sei für Jergitsch „das eleganteste Modell der Finanzierung von Journalismus“ – weil man als überwiegend leserfinanziertes Medium wirklich unabhängig sei und auch eine größere Planungssicherheit habe. Die sozialen Medien als Hauptvertriebskanal zu nutzen, ist für ihn ein zweischneidiges Schwert: „Einerseits gilt: Entweder du bist als Medium auf Social Media oder du bist irrelevant. Andererseits liefert man sich dort den Algorithmen der Tech-Giganten aus. Wir haben das im Herbst 2022 selbst erlebt, als wir auf Facebook über Nacht 90 Prozent unserer Reichweite verloren haben. Es war wohl die Folge irgendeines neuen Filters, der politische Inhalte benachteiligte.“ „Algorithmen nerven sehr“, pflichtet Jelena PantićPanić bei. Bei jedem Text müsse man überlegen: „Formuliere ich ihn genau so, wie ich es als Journalistin will, oder ändere ich ihn auf eine ‚suchmaschinenoptimierte‘ Art und Weise ab, damit er eher gefunden wird?“

Diese Beschäftigung könne lästig sein, gibt sie zu, zwinge Medienschaffende aber auch dazu, immer wieder neue spannende Formate für verschiedenste Social Media-Plattformen zu entwickeln. Beim Thema Werbung auf Social Media wird Pantić-Panić skeptisch: „Für freie Journalistinnen und Journalisten ist Werbung als Einnahmequelle immer tricky. Wenn du beispielsweise für ein Unternehmen ein Advertorial-Video produzierst und auf deinem Instagram-Channel ausspielst, dann färbt das doch sehr stark auf dein Image ab. Ein Medium hingegen kann sich so etwas eher leisten, ohne gleich seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.“ In die Zukunft blickend kann sich Medienforscher Michael Graßl vorstellen, dass auch und gerade öffentlich-rechtlicher Journalismus eine zunehmend wichtige Rolle auf Social Media einnehmen könnte. Das Geldverdienen mit Social-Media Content würde dann um eine weitere Ecke „indirekter“ funktionieren – und ein Medium, das sich auf Social Media nicht extra um Finanzierung kümmern muss, „könnte auch umso besser kritischen Journalismus mit  Orientierungsfunktion produzieren“, so Graßl. „Soziale Medien funktionieren ja so, dass man sie ungern verlässt. Medien, die ihre journalistischen Werke direkt im Kanal ausspielen können und keine ‚Werbeeinschaltungen‘ brauchen, sind langfristig wahrscheinlich im Vorteil.“

WO JOURNALISTINNEN UND JOURNALISTEN SICH PRÄSENTIEREN UND GELD VERDIENEN

STEADY
Ursprünglich deutsche Plattform, auf der Medienschaffende sehr einfach Abonnements für ihre Projekte verkaufen können. Zehn Prozent jeder Abogebühr geht an Steady. Wird jetzt auch in ganz Europa populär.
steadyhq.com

SUBSTACK
Besonders in den USA verbreitete Plattform, über die Journalistinnen und Journalisten E-Mail-Newsletter und andere Inhalte via Bezahlabo aussenden können. Zehn Prozent der Abogebühr bleibt bei Substack. Geriet in die Kritik, weil auch Inhalte mit Desinformation – etwa zur Covid Pandemie – nicht eingeschränkt werden. substack.com

PATREON
Eine der ersten und in der gesamten Kreativbranche noch immer populärsten US-amerikanischen SocialPayment-Plattformen. Auch hier werden rund zehn Prozent jeder Abozahlung als „Provision“ einbehalten. patreon.com

TORIAL
Eine kostenlose deutschsprachige Plattform für Journalistinnen und Journalisten, um Portfolios mit ihren besten Werken zu gestalten und sich untereinander zu vernetzen.
torial.com

PAYPAL UND ANDERE
Online-Bezahlservices können auch für unabhängige Medienschaffende ein relevanter Bestandteil der Monetarisierung sein.
paypal.com

Von Raimund Lang.

Qualitätsjournalismus gilt als die hohe Schule der Informationsvermittlung. Doch seine Reputation steht permanent auf dem Prüfstand.

Eine Gesellschaft ohne Journalismus ist etwa genauso wenig vorstellbar wie eine Gesellschaft ohne Informationsbedarf. Schließlich ist die historisch erste und bis heute dominierende Aufgabe des Journalismus, Menschen zu informieren. Seit der Aufklärung und ganz besonders in modernen Demokratien erhielt die Vermittlung journalistischer Inhalte auch eine politische Dimension: Mündige Bürgerinnen und Bürger sollten in der Lage sein, aus Fakten eine begründete Meinung zu entwickeln, um ihre Rolle als Wählerinnen und Wähler verantwortungsvoll zu erfüllen. Dabei half und hilft ihnen der Journalismus, der dafür auch kritisch auf die Mächtigen dieser Welt sieht und nicht zuletzt deshalb oft als „vierte Säule der Demokratie“ bezeichnet wird.

Je nach Interessenlage, Geschmack und Anspruch des Publikums werden Journalistinnen und Journalisten für die Erfüllung dieser Aufgaben geliebt oder gehasst, gelobt oder gescholten, bekommen Qualität zu- oder abgesprochen. Qualität ist die inoffizielle Währung bei der Beurteilung journalistischen Publizierens. Eng damit verbunden ist die geläufige, wenn auch nicht völlig trennscharfe Unterscheidung zwischen Qualitätsmedien auf der einen Seite – und allen übrigen auf der anderen. Erstere sind diesem Verständnis zufolge solche, in denen zumindest mehrheitlich Qualitätsjournalismus produziert wird. Doch was ist das überhaupt, Qualitätsjournalismus?

BEKANNTE STANDARDS

An dieser Frage beißt sich die Fachwelt seit geraumer Zeit die Zähne aus. Der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl hat dafür ein viel zitiertes Bonmot geprägt: Qualitätsjournalismus definieren zu wollen gleiche dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Auch wenn eine allgemein akzeptierte Definition außer Reichweite scheint, lasse sich der Qualitätsbegriff im Journalismus doch auf mehreren Ebenen untersuchen, so die österreichische Wissenschaftlerin Larissa Krainer, außerordentliche Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Klagenfurt. Da wäre etwa der Rechercheprozess: „Es gibt bekannte Standards für die Recherche, wie Gründlichkeit, Ausgewogenheit oder Objektivität“, sagt Krainer.

Bekannt ist auch die Regel „Check, recheck, double-check“, die verlangt, jede Information vor der Veröffentlichung zweimal zu prüfen. Zudem will der Beruf der Journalistin oder des Journalisten auch gelernt sein: „Man muss nicht unbedingt eine formale Journalismus-Ausbildung machen, aber man sollte zumindest einen Qualifikationsprozess in einer Redaktion durchlaufen“, so Krainer. Auch ein Blick auf das Medium selbst offenbare oft, wie es um dessen Qualität bestellt sei: „Existiert ein Redaktionsstatut? Gibt es interne Leitlinien für ethischen Journalismus? Ist das Medium Mitglied beim Presserat?“ Lassen sich Fragen wie diese mit Ja beantworten, deutet das laut Krainer auf Qualität hin. In Österreich existiert außerdem seit 1971 ein „Ehrenkodex für die österreichische Presse“, der in der aktuellen Fassung zwölf Grundsätze guter journalistischer Arbeit definiert, von denen jeder durch mehrere ethische Regeln genauer spezifiziert ist. Die Prinzipien betreffen die Themen Freiheit, Genauigkeit, Unterscheidbarkeit von bloßer Meinung, Einflussnahmen, Persönlichkeitsschutz, Intimsphäre, Schutz vor Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung, Materialbeschaffung, redaktionelle Spezialbereiche, öffentliches Interesse, Interessen von Medienmitarbeiterinnen und -mitarbeitern sowie Suizidberichterstattung. Die Einhaltung der Regeln ist freiwillig.

Wenn ein Medium sich den Bestimmungen des Ehrenkodex unterwirft, kennzeichnet es dies durch einen entsprechenden Hinweis im Impressum. Auf einer weiteren Betrachtungsebene lassen sich die journalistischen Inhalte sowie deren gestalterische Aufbereitung mittels Schreibstil, Layout oder Fotos analysieren. Hier spielt zwar subjektives Empfinden eine vergleichsweise große Rolle; ob in einer Publikation etwa auf korrekte Grammatik Rücksicht genommen wird, kann aber durchaus als objektives Qualitätskriterium gelten. Gutes Deutsch ist nicht gänzlich eine Angelegenheit subjektiven Empfindens, wie der kürzlich verstorbene Journalist und „Sprachpapst“ Wolf Schneider in unzähligen Büchern dargelegt hat. Wenn journalistische Tätigkeit in die Kritik gerät, dann häufig wegen mangelnder Distanz. Einerseits gegenüber denen, über die berichtet wird (allen voran Personen aus der Politik sowie Unternehmen); andererseits auch gegenüber denen, die zur Finanzierung des jeweiligen Mediums beitragen, also Werbekunden.

DAUERTHEMA ERLÖSE
Dass Medien zu einem Gutteil vom Anzeigengeschäft leben, sorgt für eine latente Gefahr der externen Einflussnahme, der sich weder öffentlich-rechtliche noch privatwirtschaftlich organisierte Medien gänzlich entziehen können. Das Sprichwort „Wer zahlt, schafft an“ schwebt wie ein Damoklesschwert über der medialen Unabhängigkeit. „Redaktionsstatuten wurden ja auch deshalb erfunden, um diesen Widerspruch aufzulösen“, gibt Larissa Krainer zu bedenken. Außerdem: „Freie Radios zeigen, wie man sehr wohl unabhängig bleiben kann.“ Finanzielle Unabhängigkeit könnte die Lösung sein, meint die Expertin: „Die Entwicklung wird langsam in Richtung bezahlter Online-Content gehen.“

Als Totengräber des Qualitätsjournalismus werden immer wieder die sozialen Medien gehandelt. Vor allem junge Menschen gelten heute als kaum erreichbare Zielgruppe. Eine Einschätzung, der Larissa Krainer nicht zustimmt. „Junge Menschen interessieren sich durchaus für den Unterschied zwischen Fake News und Wahrheit“, ist sie überzeugt. „Auch in Schulen wird das stark thematisiert.“ Sie empfiehlt klassischen Medien, auf Social-Media-Kanälen Präsenz zu zeigen.

Zwar könne die dort übliche Kürze der Beiträge ein Problem für die Arbeitsweise und Detailgenauigkeit herkömmlicher Qualitätsmedien sein. Andererseits biete das Bespielen sozialer Medien auch die Chance, die Jugend zu erreichen und deren Themen anzusprechen: „Man muss dorthin gehen, wo die jungen Menschen sind“, rät Krainer. Doch ist der Qualitätsjournalismus wirklich so siech, wie das zuweilen gerne behauptet wird? Manche Studien stellen diesen Befund zumindest infrage, andere scheinen ihn zu bestätigen.

„Es gibt bekannte Standards für Recherche, wie Gründlichkeit, Ausgewogenheit oder Objektivität.“

So zeigt die Österreich-Auswertung des aktuellen „Digital News Report“ des Reuters Institute einen beachtlichen Rückgang des Vertrauens in Nachrichten im Allgemeinen von 5,7 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Nur 40,6 Prozent der Befragten vertrauen Nachrichtenquellen. Österreich liegt damit unter dem globalen und auch unter dem EU-Durchschnitt, allerdings ist der Wert um fast einen Prozentpunkt höher als noch vor der Pandemie. Dieser Umstand passt zu dem Ergebnis einer Untersuchung der Wirtschaftskammer Wien, bei der 18- bis 25-Jährige zu ihrem Medienkonsum befragt wurden. Demnach hat während der Corona-Lockdowns eine Art von Rückbesinnung auf herkömmliche Medien und Qualitätsjournalismus stattgefunden. Insbesondere klassische Nachrichtenformate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erfreuen sich steigender Beliebtheit, gelten sie doch als besonders seriös. In Deutschland etwa sind laut dem Statistik-Portal Statista die „ARD Tagesschau“ und die ZDF-Nachrichtensendung „heute“ die vertrauenswürdigsten Nachrichtenquellen. Doch solche Befunde sind kein Grund, sich auszuruhen. Qualitätsjournalismus lebt von dem Vertrauen seiner Konsumentinnen und Konsumenten, dass die präsentierten Informationen korrekt, relevant und objektiv sind – und zwar immer. Vertrauen ist jedoch rascher verspielt als erworben. „Der Wert des Journalismus muss in der Gesellschaft wieder etabliert werden“, sagt Larissa Krainer. Dieses Ziel kann nur durch kontinuierliche Qualität erreicht werden.