Interview: Kim Kopacka

Wir hinterlassen im Internet ständig und überall Spuren, oft ohne es zu merken. Was erfahren Unternehmen dadurch über uns?

Das hängt vom Unternehmen ab. Bei Google weiß man unter anderem, aus welchen Regionen, von welchen Computern und von welchen Adressen die Suchanfragen gestellt werden, aber auch worüber wir nachdenken, was uns beschäftigt oder wie wir uns informieren. Firmen wie Amazon hingegen wissen, was wir kaufen, was gerade modern ist, was gut oder schlecht geht. Sie sehen anhand der Bewertungen, wie zufrieden oder unzufrieden wir mit den Produkten sind, was wie oft zurückgeschickt oder was gemeinsam mit anderen Artikeln gekauft wird. Aus all diesen Faktoren lässt sich bis zu einem gewissen Grad ableiten, wie ein Mensch tickt und unter welchen Umständen er welche Entscheidungen trifft, und das auf einer quantitativen Basis.

Bedeutet das, dass Firmen wie Google uns besser kennen als unsere Freundinnen und Freunde?

Ja, in einem gewissen Sinn kann man sagen, dass Algorithmen und Personenprofile Menschen genauer durchleuchten als viele Freundinnen und Freunde. Sie quantifizieren ein bisschen unsere Psyche.

Wozu brauchen Unternehmen unsere Daten?

Konzerne wie Amazon oder Google nutzen die Daten hauptsächlich für Werbung oder kommerzielle Interessen. Wenn man weiß, wie die Psyche eines Menschen funktioniert, kann man ein wenig vorhersagen, wie er auf bestimmte Stimuli reagieren wird, und unter welchen Umständen welche Produkte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit gekauft werden.

„Heutzutage ist es sehr schwierig, keine elektronischen Fingerabdrücke zu hinterlassen.“

Anhand der Werbung, die mir gezeigt wird, sehe ich also, was ich bereits über mich preisgegeben habe?

Das ist manchmal recht erstaunlich. Heutzutage ist es sehr schwierig, keine elektronischen Fingerabdrücke zu hinterlassen. Ich sage mir immer, dass es mir egal ist, wenn Firmen wissen, dass ich lieber grüne Schuhe als blaue kaufe. Doch wenn es darum geht, dass Wählerinnen und Wähler massiv beeinflusst werden, wie es zum Beispiel bei der vorletzten US-Wahl der Fall war, ist das ein Beispiel für katastrophalen Missbrauch. Da muss man einschreiten und Datenschutzrechte, die wir in Europa zum Glück haben, auch einklagen können. Man sollte nicht achtlos Dinge über sich und andere preisgeben, die früher oder später gegen einen selbst oder andere verwendet werden können.

Auf Websites wird man ständig aufgefordert, Cookies zu akzeptieren. Was hat es damit auf sich?

In Europa besteht eine Hinweispflicht für Cookies. Auch wenn es nervt, sieht man zumindest, wie viele Firmen die Verhaltensdaten von Userinnen und Usern haben möchten und daher fragen, ob sie gewisse Dinge mitschreiben dürfen. Zum Beispiel von welcher Website man hierhergeleitet wurde, was man als Nächstes anklickt oder wie lange man sich etwas ansieht. Aus solchen Daten lässt sich vieles über Menschen lernen.

Kann man beziffern, wie viel unsere Daten wert sind?

Personenprofile, die von großen Tech-Konzernen erstellt werden, sind Milliarden wert – in Europa ist das allerdings illegal. Denn diese Profile helfen dabei, Menschen davon zu überzeugen, Dinge zu kau-fen, die sie eigentlich nicht brauchen oder wollen. Viele Services von Konzernen wie Google sind gratis – scheinbar. Tatsächlich zahlen wir mit unseren Daten, die natürlich wertvoller sind als das, was wir dafür bekommen.

Das alles klingt etwas beunruhigend. In Ihrem Buch „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ schreiben Sie aber, dass die Wissenschaft Daten positiv nutzen kann, um die Gesellschaft, die Umwelt oder unsere Gesundheit nachhaltig zu verbessern. Können Sie erklären, wie man mit Big Data die Welt retten kann?

Das eigene Leben kann man verbessern, indem man medizinische Daten nutzt, um zu besseren Diagnosen und Prognosen zu gelangen. Wenn man eine bestimmte Krankheit hat und die typischen Krankheitsverläufe der ganzen Bevölkerung kennt, kann man besser vorhersagen, was auf einen zukommt oder wie wirksam ein gewisses Medikament oder eine Therapie sein wird. Ärztinnen und Ärzte können wiederum anhand der Daten in kürzerer Zeit bessere Diagnosen stellen. Und Gesundheitssysteme können, wenn man genug Daten hat, analysiert, auf Schwachstellen überprüft sowie effizienter und besser gemacht werden – für alle Beteiligten.

Können Sie noch ein anderes Beispiel nennen?

Nehmen wir die Finanzwelt her. Da gibt es das Problem, dass es alle 10 bis 20 Jahre zu massiven Krisen kommt, wo Dutzende oder sogar Hunderte Banken ausfallen können. Diese Konkursbanken reißen andere Banken mit und in weiterer Folge auch ganze Wirtschaftsbetriebe und Staaten, wodurch am Ende viele Menschen verarmen. Hier können wir Daten nutzen, um ein Finanzsystem digital nachzubauen und verschiedene Situationen zu simulieren, wie etwa, was passieren würde, wenn alle Banken in Kärnen ausfallen oder wenn Russland seine Kredite nicht zurückzahlt. So können wir uns auf mögliche Situationen vorbereiten, die sich noch gar nicht abzeichnen. Und sollten diese später eintreten, wissen wir sofort, wie wir darauf optimal reagieren sollten.

Hat die Wissenschaft auch Zugang zu den Daten der großen Tech-Konzerne?

In einzelnen Fällen schon. Google oder Amazon stellen selbst Zehntausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, die anhand der Daten Spannendes über die Psychologie des Menschen lernen. Sie haben dort Möglichkeiten, die man auf einer Uni normalerweise nicht hat. Da könnte man vieles aus ethischen Gründen nicht publizieren, weil wir sehr darauf achten, niemals Persönlichkeitsrechte zu verletzen.

Wie geht die Wissenschaft mit Daten um?

In der Forschung stellt man von Anfang an sicher, dass in den Ergebnissen niemals einzelne Personen identifizierbar sind. In den allermeisten wissenschaftlichen Fragen geht es auch nie um einzelne Individuen. Im Gegensatz dazu nutzen Tech-Konzerne die individuelle Identifizierbarkeit aus Daten oft aus, indem sie einer Person zum Beispiel personalisierte Werbung schicken. Wenn man also weniger personalisierte Werbung bekommt, weiß man, dass sich etwas getan hat und wir auf dem richtigen Weg sind.

In Europa haben wir eine gute Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die unter anderem regelt, welche Daten die Wissenschaft oder die Industrie verwenden darf, wie Daten gespeichert werden oder was gelöscht werden muss. Also, im Prinzip ist das Regelwerk da, für die großen Tech-Firmen greift es meiner Meinung nach aber zu kurz. Die nehmen die DSGVO oft nicht ernst genug. Deshalb verhängt die EU auch immer wieder Strafen in Milliardenhöhe. Mittlerweile hat sich aber praktisch jede Firma in Europa, die mit Daten zu tun hat, mit dem Thema auseinandergesetzt und geht weitaus bewusster und kritischer damit um, als das noch vor fünf Jahren der Fall war.

Können wir als Userinnen und User einen Beitrag leisten, um unsere Daten sicherer zu machen?

Ja, indem wir uns immer wieder empören, wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Datenrechte verletzt werden. Und indem wir laut fordern, dass korrekt mit unseren Daten umgegangen wird.

 

Fotos

Interview: Kim Kopacka

 

Auf verschiedenen Plattformen im Internet kann mittlerweile jeder Mensch Nachrichten verbreiten, egal ob sie stimmen oder nicht. Das verunsichert viele und macht es auch schwieriger, junge Menschen mit seriösen Nachrichten zu erreichen. Wie erleben Sie als junge Journalistin die Veränderungen in der Medienwelt und die neuen Herausforderungen?

Eigentlich sehr positiv, weil zumindest die Erfahrung des letzten Jahres gezeigt hat, dass junge Menschen sehr wohl Interesse an Nachrichten haben und informiert werden wollen. Man muss die Informationen nur richtig aufbereiten und junge Menschen dort abholen, wo sie ohnehin schon sind. Das ist in unserem Fall TikTok.

Das heißt, Sie sehen die Vielfalt an Plattformen als Vorteil?

Auf jeden Fall. Erst kürzlich hat eine Schülerin bei einem Workshop zu mir gesagt: „Social Media ist das neue Fernsehen“, und das finde ich sehr treffend. Ich kann verstehen, wenn sich manche durch die vielen Plattformen und Themen überfordert fühlen. Doch ich sehe darin eine große Chance, weil man zu Gruppen durchdringt, die man mit linearem Fernsehen, Radio und über Zeitungen nicht mehr so gut erreicht. Durch das Bespielen sozialer Medien ist man viel breiter aufgestellt und hat sozusagen ein viertes Standbein dazugewonnen.

Seit einem Jahr ist die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ auf der Plattform TikTok aktiv. Damit soll vor allem jüngeres Publikum gewonnen werden. Wie ist Ihre Bilanz?

Extrem positiv. Wir waren selbst überrascht, wie sehr die Zahlen durch die Decke gegangen sind. 368.000 Menschen folgen uns auf TikTok, wir haben 11,6 Millionen Likes (Stand 23. November 2022), einige extrem erfolgreiche Videos und wir bekommen unglaublich viel positives Feedback. Auch von Lehrerinnen oder Lehrern, die auf uns zukommen und sagen: „Dank euch sind unsere Schülerinnen und Schüler viel besser informiert.“ Natürlich gibt es auch negative Kommentare, wie überall in sozialen Medien, doch die beziehen sich meist auf bestimmte Themen und nicht auf das Format an sich.

„Durch das direkte Feedback verlieren wir auch nie den Kontakt zu unseren Followern.“

Wie wurden Sie innerhalb des ORF auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet?

Es gab kein Training im klassischen Sinn. Das meiste, also wie man Videos auf TikTok produziert, wie man textet oder Geschichten aufbereitet, haben wir uns gemeinsam mit unserem Teamleiter Patrick Swanson selbst erarbeitet nach dem Motto „Learning by Doing“. Dafür haben wir uns im Sommer zu dritt in einem Coworking-Space in der Mariahilfer Straße in Wien getroffen, haben uns einiges angeschaut, recherchiert und überlegt, welche Formate wir uns auf TikTok vorstellen können, was es bereits in diesem Bereich gibt und warum gewisse Dinge funktionieren.Danach sind wir in die Pilotierungsphase gegangen und haben uns angesehen, wie das Setting und das Studio aussehen sollen, haben vieles ausprobiert und auch vieles wieder verworfen. Man kann also durchaus sagen, dass die „ZiB“ auf TikTok unser Baby ist und sehr viel Herzblut darin steckt.

Wie müssen Nachrichten auf Social Media aufbereitet sein, um junge Menschen zu erreichen?

Wir erzählen auf TikTok zum Beispiel nicht, was die neue Pensionsreform bringt, sondern überlegen uns, welche Themen für unsere Zielgruppe relevant sind und was sie gerade beschäftigt, wie etwa Corona, schul- oder auch weltpolitische Themen. Beim Krieg in der Ukraine haben wir gerade am Anfang gemerkt, dass das Informationsbedürfnis sehr groß ist. Aber auch „News you can use“, also sogenannte Service-TikToks, funktionieren hervorragend.

Ganz wichtig ist uns der Tonfall. Wir wollen jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen und uns die Themen mit ihnen gemeinsam ansehen, ohne sie dabei zu belehren. Und man braucht auf TikTok eine klare Struktur. Da geht es oft um die ersten drei Sekunden, wir nennen das die „Catchphrase“. Das kann der Aufriss eines Themas sein, aber auch ein starkes Bild oder ein knackiger Satz, der das Publikum in die Thematik hineinzieht. Von dort hanteln wir uns weiter. Die Videos sollten weniger als eine Minute lang sein, das ist oft ziemlich tricky.

Woran wird der Erfolg des Formats gemessen?

An den Viewzahlen. Die ergeben sich aus den Interaktionen und den Klicks. Je mehr ein Video gelikt, angeschaut oder geteilt wird, desto eher wird es im Algorithmus weiter ausgespielt. Unsere Viewzahlen reichen vom zweistelligen Zehntausenderbereich bis zu sechs Millionen bei unserem populärsten Beitrag.

Was war das für ein Video?

Das war ein Originalton aus der ORF-Sendung „Im Zentrum“ von Marlene Engelhorn, einer Millionenerbin, die mehr Steuern für Reiche fordert. Der ist viral gegangen, was wir uns vorher nicht gedacht hätten, weil er relativ komplex und lang ist. Das zeigt, dass wir unserem jungen Publikum durchaus etwas zutrauen können.

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch die Interaktion mit dem Publikum? Haben Likes, Shares oder Kommentare Einfluss auf die Themenauswahl?

Du bekommst dadurch jeden Tag eine Bilanz deiner Arbeit. Das ist manchmal hart, vor allem am Anfang. Mittlerweile können wir aber besser damit umgehen. Durch das direkte Feedback verlieren wir auch nie den Kontakt zu unseren Followern. Wir wissen dank der Kommentare, was sie interessiert, was sie beschäftigt, worauf es Antworten braucht. Und das ist für die Themenauswahl von Vorteil. Es ist aber auch so, dass wir oft Erklärformate produzieren, zum Beispiel zu den Novemberpogromen. Da können wir vorher nicht einschätzen, wie sehr das unser Publikum interessiert, aber wir erfüllen damit den Bildungsauftrag des ORF. Das heißt, das direkte Feedback wird bei der Themenauswahl zwar berücksichtigt, aber wir sind zum Glück nicht nur klickgetrieben.

Bleibt auf Social Media überhaupt genug Zeit für die Redaktion, Fakten genau zu überprüfen?

Es muss oft sehr schnell gehen, denn das Ziel ist, dass mein Kollege und ich je ein Video pro Tag produzieren und das innerhalb von acht Stunden. Dabei sind wir – in Absprache mit dem Social-Media-Team der „ZiB“ – für alles selbst verantwortlich, angefangen von der Themenauswahl über die Maske bis hin zu Ton, Licht, Kamera und Schnitt. Natürlich nehmen wir uns Zeit, um die Fakten zu prüfen. Tatsächlich sind wir aber froh, dass wir auch auf die Recherchen unserer Kolleginnen und Kollegen vom Fernsehen, etwa des Investigativ-Teams der „ZiB“, zurückgreifen können. Davon profitieren wir.

Muss man heute eigentlich noch Journalistin oder Journalist sein, um Qualitätsjournalismus zu machen?

Ich glaube, dass journalistisches Handwerkszeug weiterhin erforderlich ist, egal ob es sich um eine Plattform im Internet, Fernsehen, Print oder Radio handelt. Man muss richtig recherchieren, Inhalte zusammenfassen, herausfiltern, was für das Publikum relevant ist, und eine Geschichte erzählen. Daran hat sich auch durch das Internet nichts geändert.

AMBRA SCHUSTER präsentiert seit Oktober 2021 für die „Zeit im Bild“ des ORF die wichtigsten News des Tages auf der Kurzvideoplattform TikTok. Sie studierte am Journalismus-Institut der FH Wien. 2018 absolvierte sie ein Praktikum in der „ZiB“-Außenpolitik, danach arbeitete sie beim Radiosender FM4, der „Kleinen Zeitung” und zuletzt im Innenpolitikressort der ORF-Radioinformation. Bekannt wurde sie mit ihrem Podcast „Ambra fragt“: Dort führte sie Interviews zu aktuellen Themen und hat damit neue Wege im ORF-Digitalbereich beschritten.

Fotos: Franziska Liehl

Clara, du hast das Onlinemedium Andererseits mitgegründet. Wie finanziert ihr euch?

Clara Porák: Unser Medium hat mehrere Standbeine: Mittels Crowdfunding haben wir gleich in der Anfangsphase Jahresabos in der Höhe von 40.000 Euro verkauft. Das heißt, die Menschen unterstützen uns in erster Linie, weil sie an unser Projekt glauben, nicht, weil sie für einen bestimmten Content bezahlen. Dann haben wir eine Medienprojektförderung der Wirtschaftsagentur Wien bekommen, die unser erstes Jahr ausfinanziert hat. Zum Dritten bauen wir auf klassisches Sponsoring durch Unternehmen, die auf unseren Events präsent sein dürfen.

Christian, auch du hast mit Alexandria vor zwei Jahren eine Mediengründung gewagt. Wie hat sich die Finanzierung entwickelt?

Christian Bauer: Auch wir haben eine Förderung der Wirtschaftsagentur Wien bekommen, die uns die Produktion der ersten Ausgabe ermöglicht hat. Deren Erlös hat die zweite Nummer finanziert. Danach haben wir uns auf die digitalen Kanäle – Website und Podcast –  fokussiert, um uns finanziell unabhängig zu machen. Der Traff ic hat sich sehr gut entwickelt, aber es war nie genug, um den Betrieb wirklich durchzuf inanzieren. Wir als Redaktion haben immer unbezahlt gearbeitet. Zurzeit konzipieren wir ein Wissenschaftsmagazin für Oberstufenschüler:innen und versuchen uns so – vielleicht auch mit einer Förderung der Stadt Wien – ein zusätzliches Standbein zu schaffen.

Paul, du studierst noch – ist die Finanzierung von Medienprojekten Teil der Ausbildung?

Paul Koren: Die Praxis bei dem Thema bleibt im Studium leider etwas auf der Strecke. Es gab aber eine Lehrveranstaltung, wo Georg Eckelsberger von Dossier über deren Zugang berichtet hat: Neben Workshops und Medienkooperationen ist der Aboerlös des gedruckten Heftes das Herzstück ihrer Finanzierung – und mir leuchtet auch ein, warum das so ist. Ein pures Onlinemedium zu abonnieren, ist auch für mich einfach schwer vorstellbar: Wenn du ein Qualitätsmagazin „immer verfügbar“ auf dem Smartphone hast, liest du es, glaube ich, im Endeffekt seltener, als wenn es in Papierform zu Hause herumliegt.

Christian Bauer: Diese Beobachtung teile ich. Es ist interessanterweise noch immer so, dass sich Anzeigen im Print besser verkaufen als online. Deshalb werden wir bei Alexandria uns jetzt wieder mehr auf die Printausgaben konzentrieren. Für die Website bekommen wir zwar auch immer wieder Anfragen für Advertorials, aber die meisten davon müssen wir ablehnen, weil sie zu unseriös sind.

Muss die Finanzierung eines Mediums Journalist:innen eigentlich interessieren?

Viktoria Nedwed: Im Studium und auch im Medienbetrieb wird ja gerne kommuniziert: Die redaktionelle und die geschäftliche Seite sind sauber voneinander getrennt. In der Realität bin ich aber ständig mit der Finanzierungsseite konfrontiert. Ich habe den Eindruck, dass von der jungen Generation auch immer mehr ökonomisches Hintergrundwissen und Sales-Skills erwartet werden. Auch dass sie sich als Individuen, als Journalist:innen „verkaufen“ können.

Clara Porák: Ich interessiere mich nicht für Finanzierung. Ich möchte, dass es Andererseits gibt. Das sind zwei verschiedene Dinge. Ich möchte Journalismus machen, der mir relevant erscheint und Spaß macht. Und irgendjemand in unserem Team musste eben mal sagen: Okay, wir kümmern uns jetzt um das Geld.

Viktoria Nedwed: Ich schreibe für mehrere kleine Medien – und da bekomme ich auch sehr nah mit, wie das mit der Finanzierung läuft. Die Hauptfrage für all diese neuen Medien ist: Wie binde ich Leser:innen langfristig an mein Produkt? Wie bringe ich meine Community dazu, auch regelmäßig zu zahlen? Ich muss zugeben, dass ich mir als Journalismus-Ausgebildete mit diesem Sales-getriebenen Mediendenken oft schwertue.

Sollte Medienarbeit in Zukunft stärker von Steuergeld gestützt werden?

Viktoria Nedwed: Was Österreich betrifft, sind wir uns wahrscheinlich alle einig, dass das gesamte System der Medienförderungen reformiert gehört. Die indirekte Förderung über Regierungsinserate muss aufhören. Und die reguläre Presseförderung gehört vervielfacht.

Paul Koren: Qualitätsvolle Inhalte sollten auf jeden Fall stärker gestützt werden. Warum soll es außerdem nicht mehr öffentlich-rechtliche Medien geben, etwa als Gratiszeitung, die öffentlich aufliegt – gerade in einer Zeit, wo überall zweifelhafte Boulevardinhalte verbreitet werden

Christian Bauer: Die Idee, dass Medien stärker steuergeldfinanziert sein sollten, gefällt mir prinzipiell gut. Die Schwierigkeiten liegen aber auf der Hand: Wer entscheidet über die Verteilung der Gelder? Wie verhindert man inhaltlichen Einfluss durch Journalismus.“ staatliche Stellen? Trotzdem: Ich sehe es als eine Aufgabe des Staates, den Bürger:innen gut aufbereitete Information über demokratische Prozesse leicht zugänglich zu machen. Wir können diese Aufgabe nicht völlig dem Markt überlassen. Da können wir noch so relevante Inhalte produzieren, das wird alles untergehen gegen Meta und Google.

Clara Porak: Öffentlich-rechtliche Medien sind sicher extrem wichtig, aber wir müssen doch den Anspruch haben, Medien zu machen, die unsere Leser:innen so begeistern, dass sie uns dafür ein bisschen von ihrem Geld geben. Zurzeit haben wir in Österreich eine Medienlandschaft, in der ein Milliardär ein Medium ganz allein besitzen kann. Da ist mir jedes durch Leser:innen und Anzeigen finanzierte Medium lieber.

“Ich sehe großes Potenzial im partizipativen Journalismus”

 

Was also muss geschehen, damit guter Journalismus in zehn, zwanzig Jahren überhaupt nochfinanzierbar ist?

Viktoria Nedwed: Ich sehe großes Potenzial im partizipativen Journalismus, also in einem Journalismus, der sich den Interessen eines diversen Publikums öffnet. Dann öffnen sich auch neue Geschäftsfelder, die von der aktuellen Medienszene einfach vernachlässigt werden.

Clara Porak: Viele große Medien produzieren Inhalte an der Lebensrealität von immer mehr jungen Menschen vorbei. Und auch an den wissenschaftlichen Fakten vorbei, was die Dringlichkeit der Klimakrise betrifft. Ich sehe den digitalen Raum daher als große Chance – denn wir können sehen: Wer ist mein Publikum, wen interessiert was? Damit gute Medienarbeit relevant bleibt, brauchen wir aber diverser besetzte Redaktionen, die mutiger auftreten. Im Journalismus sollte es darum gehen, alle Menschen zu erreichen. Und nicht einfach Flächen zu schaffen, die attraktiv für Uhrenwerbungen sind.

Paul Koren: Eine zeitgemäße Medienbildung wird dabei, denke ich, auch eine Rolle spielen. Eine Bevölkerung, die weiß, wie Medien arbeiten und finanziert werden, wird sich auch anders verantwortlich fühlen – also eher bereit sein, Abos zu bezahlen.

 

 

Foto: Christoph Liebentritt

Diskutiert haben

Paul Koren

Nach Matura und Zivildienst begann der 21-jährige Voitsberger ein Journalismus-Studium an der FH Joanneum in Graz. Heuer absolvierte er ein Praktikum bei der Mediengruppe Wiener Zeitung. Sein journalistisches Hauptinteresse gilt der Klimapolitik.

Christian Bauer

Nach dem Studium der Wirtschaftspsychologie hat der 32-jährige Wiener im Jahr 2020 das Wissenschaftsmagazin Alexandria mitgegründet, dessen Co-Chefredakteur er auch ist. Das Medium erscheint zurzeit online und produziert einen Podcast.

Clara Porák

Die 24-jährige Wienerin schreibt als freie Journalistin vor allem zu den Themen Klimakrise und soziale Gerechtigkeit, etwa für den Falter und die Süddeutsche Zeitung. 2020 hat sie Andererseits mitgegründet, ein Onlinemedium von Menschen mit und ohne Behinderung

Viktoria Nedwed

Die 25-jährige freie Journalistin schreibt hauptsächlich für die jungen Wirtschaftsmedien SHEconomy und Smart Maguire. Sie hat 2021 ihr Studium „Journalismus & Medienmanagement“ an der FH Wien abgeschlossen und möchte in Zukunft mehr Videojournalismus machen.

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Johanna, Sarah und Christian, ihr drei steht schon als Journalist:innen im Berufsleben. Wie gut stimmt die Realität mit dem Bild überein, das ihr euch davor von dem Beruf gemacht habt?

Christian Albrecht: Im Großen und Ganzen liegt alles sehr nah an meiner ursprünglichen Vorstellung. Mit der einen Einschränkung, dass ich vielleicht weniger draußen unterwegs, weniger „bei den Menschen“ bin, als ich es mir ausgemalt hatte. Dazu hat Corona aber sicher auch beigetragen.

Johanna Hirzberger: Meine ersten Erfahrungen habe ich bei einem großen TV-Unternehmen gemacht. Dort ging es viel hierarchischer zu, als ich mir das gedacht hätte. Die Alteingesessenen gaben die Richtung vor, und man musste sich arrangieren, damit man weiterkommt. Das hat mich zunächst extrem abgeschreckt. Ich hatte mir erwartet, dass junge Leute grundsätzlich gefördert werden, wenn sie in ein Unternehmen kommen, aber das war leider nicht der Fall. Ichbin deshalb nach Deutschlandgegangen, um dort Erfahrungenzu sammeln. Der Marktist viel größer, auch der Druck,dadurch entwickeln sich die einzelnen Akteur:innen nicht zu solchen Platzhirschen wie in Österreich. Wobei ich mitbekommen habe, dass sich auch hierzulande in den letzten paar Jahren einiges zum Besseren gewandelt hat.

Sarah Maria Kirchmayer: Bei mir war es umgekehrt. Ich erhielt diesen Sommer bei der Kleinen Zeitung eine Anstellung – und hatte anfangs Angst davor, mit den Journalist:innen zusammenzuarbeiten, die ich als Leserin immer bewundert hatte. Ich dachte, da wird sicher von allen Seiten auf mich heruntergeschaut. Aber so wares gar nicht, im Gegenteil, es war vom ersten Tag an ein Verhältnis auf Augenhöhe.

Elisabeth, du studierst noch Journalismus und PR an der FH Joanneum in Graz. Was würde für dich ein gutes Arbeitsumfeld in einem Medienunternehmen auszeichnen?

Elisabeth Michalek: Auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten mit allen Kolleg:innen – das wäre auch für mich das Wesentliche. Ich denke, wir Jungen wollen nicht als dumm oder naiv behandelt werden. Man kann was draufhaben, Schwung und neue Ideen reinbringen, egal wie alt man ist. Ich fände es außerdem wichtig, dass gute Leistung hoch angerechnet und wertgeschätzt wird, gerade in einer Branche, in der Freunderlwirtschaft nicht unbekannt ist. Außerdem finde ich es wichtig, dass Medienunternehmen die Diversität in den eigenen Reihen fördern, also: Wie hole ich Leute rein, die unterschiedliche Perspektiven auf die Gesellschaft liefern können?

Nehmt ihr hier einen Generationensprung oder vielleicht auch einen Kulturwandel wahr? Stichwort „klassische“ vs. digitale Medien?

Johanna Hirzberger: Bei Ö1 sind sie sich dieses Kulturwandels absolut bewusst, und sie wollen sich auch ehrlich weiterentwickeln. Trotzdem nehme ich noch immer diese Einstellung wahr: „Na, nimmst dir auch was mit für Social Media …?“ Dieses Feld wird noch immer nicht wirklich ernst genommen oder wertgeschätzt als eigener Kanal für innovative Formate des Storytellings. Also ich spüre beides: eine Öffnung hin zu experimentellen Formaten und neuen Denkweisen, aber gleichzeitig auch Unverständnis.

Christian Albrecht: Gewisse Abläufe der digitalen Kanäle sind bei älteren Kolleg:innen einfach nicht so präsent wie bei jüngeren. Wenn ich zum Beispiel Onlinedienst während eines Formel- 1-Rennens mache, kann ich nach der Zielflagge einfach nicht eine halbe Stunde warten, bis der Artikel über das Rennen fertig ist. Der muss sofort raus. Manchmal gibt es da sicher Reibungspunkte, aber ich denke, das ist nicht überraschend bei einer Zeitung, die de facto doppelt – einmal in Print, einmal online – produziert wird.

Johanna Hirzberger: Ich hätte dazu eine Frage, Christian: Ich habe Freund:innen, die auch bei größeren Zeitungen in der Onlineredaktionarbeiten und mir erzählen, dass jene Redakteur:innen, die nur für die Printausgabe schreiben, anders behandelt werden, mehr Zeit und Ressourcen für Geschichten bekommen. Als gehörten sie zu einer „höheren“ Kategorie Journalist:in als die Onlineredakteur:innen. Und oft verlaufe diese Abgrenzung auch entlang des Alters. Gibt es solche Unterschiede auch bei euch?

Christian Albrecht: Bei der Kleinen Zeitung ist es in der Theorie so, dass es gar keine Unterscheidung mehr zwischen Print- und Onlinedienst gibt. Alle machen alles. Die Betonung liegt auf: in der Theorie. In der Praxis gibt es natürlich noch immer manche Unterschiede, was den Arbeitsaufwand für die Onlinekanäle betrifft. Ich bin häufig für „Online“ zuständig, wenn ich aber für eine größere Geschichte recherchiere oder Außentermine habe, gibt es nie Probleme, dafür freigeschaufelt zu werden.

 

Wie gut werden junge Journalist: innen in Österreich ausgebildet?

Johanna Hirzberger: Ich denke, dass sie insgesamt gut ausgebildet werden. Es gibt so viele Angebote wie noch nie, wo man das journalistische Handwerk lernen kann. Mit meiner Erfahrung im Hintergrund – ich habe zuerst ein Universitätsstudium abgeschlossen und danach erst die FH – wünsche ich mir aber, dass der Zugang zur journalistischen Karriere diversifiziert bleibt. Dass also auch Quereinsteiger:innen weiterhin die Chance haben, in Medienhäusern anzufangen und das Handwerk dort zu lernen. Es sollte nicht so sein, dass man an einer FH Journalismus studieren muss, um ein Praktikum bei einem Medienunternehmen zu bekommen. Gute Redaktionen brauchen einen Mix an Ausbildungswegen und Fachinteressen in ihren Reihen.

Elisabeth Michalek: Was die Lehrinhalte betrifft, versucht die FH schon an den klassischen Medien festzuhalten, trotzdem gibt es einen Überhang zu Onlinemedien und Social Media. Das ist sicher zeitgemäß, aber mir fast schon wieder ein bisschen zu viel. Ich persönlich habe das „klassische“ Schreiben für „klassische“ Medien sehr gern. Es kommt mir aber so vor, als würde man uns vermitteln: Ihr Jungen landet eh alle in den Online-Abteilungen, also bereiten wir euch hier darauf vor. Ich frage mich, ob für uns Digital Natives in Wahrheit nicht andere Lehrinhalte, also zusätzliche Kompetenzen, viel wichtiger wären. Denn wenn die ältere Generation sich jetzt auch von Jahr zu Jahr mehr Social-Media-Kompetenzen aneignet, geht unser vermeintlicher Vorteil erst recht wieder verloren.

Sarah Maria Kirchmayer: Ich hatte bei meinem Studium an der FH große Probleme mit der Art und Weisewie das Handwerk vermittelt wird. Deshalb habe ich auch abgebrochen. Das Feedback erschien mir teilweise pingelig, es wurde auf Dinge geachtet, die in der Jobrealität eigentlich keine Rolle spielen. Das Um und Auf einer guten Ausbildung ist meiner Meinung nach konstruktive Kritik. Also: Was kannst du besser machen und wie? Diese Form der Kritik habe ich erst bei meinem Praktikum beim Standard und später bei der Kleinen Zeitung erlebt. Aber wenn ich mir anschaue, wie viele Absolvent:innen der FH Joanneum es in der Branche sehr weit schaffen, muss ich sagen, dass offenbar doch gute Arbeit gemacht wird. Nur für mich war es eben nicht das Richtige. EM: Mir ist es bei meinen bisherigen Erfahrungen so vorgekommen, als wäre es im „echten Leben“ fast ein bisschen einfacher als im akademischen. Wahrscheinlich weil es kein Lehrenden-Studierenden-Verhältnis gibt, sondern weil man mit Kolleg:innen zusammenarbeitet.

Johanna Hirzberger: Im Alltag hilft es eben nichts, jemanden endlos zu korrigieren – denn im Mittelpunkt steht die Geschichte und dass sie im bestmöglichen Zustand rausgeht.

Du bist selbst auf die Seite der Lehrenden gewechselt, Johanna, und betreust den Ausbildungssender Radio Radieschen an der FH Wien mit. Wie legst du es dort an?

Johanna Hirzberger: Radio Radieschen ist sehr praxisnah. Man muss als Student: in sofort Live-Moderationen machen und ganze Beiträge gestalten. Ich investiere viel Zeit in die individuelle Betreuung. Die Student:innen müssen mehrere Beitragsideen liefern, und dann gehe ich mit jeder und jedem Einzelnen durch: Was von der Idee kann man wie verwirklichen, wie setzen wir den Radiobeitrag am besten um? Die Themenfindung wird also zur gemeinsamen, konstruktiven redaktionellen Arbeit. Es ist nicht so, dass ich Aufgaben verteile wie eine passive Chefin und sage: Heute macht ihr das!

Reden wir auch über die Menschen, über die ihr als Journalist: innen berichtet. Wie wollt ihr Menschen begegnen, wie wollt ihr sie darstellen? Was ist euch dabei wichtig?

Sarah Maria Kirchmayer: Wenn ich beispielsweise für Das Querformat, wo ich Chefredakteurin bin, ein Porträt schreibe oder ein Interview mache, will ich herausarbeiten, was diesen Menschen ausmacht, was ihn zu dem macht, der er ist. Es geht mir genau nicht darum, den konventionellen Blick der Gesellschaft zu befriedigen, der nach irgendwelchen Leistungen Ausschau hält. Die queere Community ist medial noch immer stark unterrepräsentiert, das Thema kommt in der „normalen“ täglichen Berichterstattung so gut wie nicht vor, und das finde ich schade. Das gilt auch für viele andere marginalisierte Communitys. Im Querformat rücken wir also Menschen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt. Das ist natürlich bei einem Vierteljahresmagazin leichter möglich als bei einer Tageszeitung, wo Menschen leider zu oft als reine Objekte der Berichterstattung vorkommen.

Johanna Hirzberger: Das stimmt sicher. Es ist insgesamt zu wenig Raum da für solche offenen Begegnungen mit Menschen, wie du sie beschreibst. Mein Zugang ist: Ich versuche alle meine Interviewpartner: innen zuallererst einmal ernst zu nehmen. Auch wenn ich das, was sie sagen, vielleicht völlig absurd finde. Meine Aufgabe als Journalistin ist es, den Grund dahinter zu finden, warum sie so denken. Da hinzukommen ist superspannend. So kann man Debatten anstoßen. Und das ist für mich eine der Hauptaufgaben von Journalismus.

Elisabeth Michalek: Mir ist es ganz grundsätzlich wichtig, dass Menschen keine Angst bekommen, wenn ich ihnen als Journalistin begegne, sondern ein Gefühl der Sicherheit. Im Sportjournalismus, wo ich gerne arbeiten würde, interessieren mich gerade Tabuthemen sehr. Warum liest man zum Beispiel nie über das Thema Menstruation im Sport? Das ist einer der zentralsten Aspekte bei der Sportausübung für Frauen und Mädchen. Auch sexueller und psychischer Missbrauch im Sport sind noch immer zu wenig beleuchtete Themen.

Christian, als einer, der schon in einer Sportredaktion sitzt: Warum sind das wenig beleuchtete Themen?

Christian Albrecht: Sportjournalismus ist sicher noch immer eine Männerdomäne,
und ich muss gestehen, zu den genannten Themen fehlt einem als Mann einfach der Zugang. In unserer Sportredaktion arbeiten zurzeit zwölf Männer und keine einzige Frau. Wir bewegen uns aber zum Glück in die richtige Richtung, wie auch die Berichterstattung zur Frauenfußball- EM gezeigt hat. Und von meiner Zeit an der FH weiß ich, dass sich in dieser Generation viel tut und mehrere junge Kolleginnen, wie eben auch Elisabeth, sich für den Sportjournalismus interessieren.

Wie wichtig ist euch der Aufstieg auf der Karriereleiter? Möchtet ihr irgendwann eine Leitungsposition ausfüllen?

Cristian Albrecht: Mir persönlich ist das gar nicht wichtig. Ich wüsste nicht, was mir noch mehr Spaß machen würde als mein aktueller Job. Und ich hoffe nicht, dass sich das in den nächsten zehn Jahren verändern wird. Ich strebe keine höhere Position an, ich fühle mich mit dem Maß an Verantwortung, das ich jetzt habe, sehr wohl.

Johanna Hirzberger: Bei mir ist es ähnlich: Ich will das machen, was mich mit Leidenschaft und Energie erfüllt,und ich will davon leben können. Das heißt: Geschichten von Menschen zu erzählen, das Publikum zur Reflexion anzustoßen. Ich bin überzeugt, dass in den kommenden Jahren noch mehr mediale Plattformen für solche menschenzentrierten Formate entstehen werden. Sollte sich was ergeben, würde ich mich sicherlich freuen, meine Ideen auch in einer Leitungsposition zu verwirklichen. Es wäre schon cool, irgendwann mein eigenes Format zu haben. Um dann wiederum anderen das mitgeben zu können, was ich gelernt habe.

Fotos: Christoph Liebentritt

Diskutiert haben

Christian Albrecht

Während seines Journalismus-Studiums an der FH Joanneum machte der heute 25-Jährige ein Praktikum in der Sportredaktion der Kleinen Zeitung – und blieb dort, zunächst in geringfügiger, seit letztem Jahr in fester Anstellung

Elisabeth Michalek

Die 20-jährige Grazerin feierte als Schülerin Erfolge in der Rhythmischen Gymnastik. Nach der Matura begann sie an der FH Joanneum Journalismus und PR zu studieren. 2023 möchte sie die Ausbildung abschließen. Ihr besonderes Interesse gilt dem Sportjournalismus.

Johanna Hirzberger

Nach dem Master in Politikwissenschaft studierte die 30-jährige Oststeirerin Journalismus & Neue Medien an der FH Wien. Heute arbeitet sie wieder dort – im Ausbildungssender Radio Radieschen. Daneben gestaltet sie als freie Journalistin bei Ö1 Wissenschaftsbeiträge und Features.

Sarah Maria Kirchmayer

Die 21-jährige Grazerin ist Chefredakteurin des queeren und feministischen Magazins Das Querformat, das seit 2021 viermal jährlich in gedruckter Form erscheint und auch online zu lesen ist. Seit Sommer 2022 arbeitet sie außerdem bei der Kleinen Zeitung in der Regionalredaktion Voitsberg.

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Welche Aufgaben kommen Medien in einer Gesellschaft zu, die sich mitten in einer Demokratiekrise befindet?

Lionel Hausheer: Wir starten mit den leichten Fragen, okay. Ich denke, Medien haben die Aufgabe, die Debatte zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zu synchronisieren. Sie sollen den öffentlichen Raum herstellen, in dem die wichtigen Themen der Zeit gemeinsam verhandelt werden.

Julia Rauch: Gerade in einer Zeit der sozialen Aufsplitterung sollten Medien zum einen Information für möglichst viele Menschen verständlich aufbereiten. Zum andern sollten sie Kontrollinstanz gegenüber den Regierenden sein. Katharina Brunner: Beim Thema „Kontrollinstanz“ beginnt für mich schon die Diskussion. So wie es läuft, verliert sich dieser eingelernte Kontrollansatz im Journalismus leider zu oft in einem unkritischen Einsammeln von Standpunkten: Einer behauptet etwas, dann hole werden – vor allem mittels diverserer Redaktionen. ich mir zwei Gegenmeinungen, Bericht fertig. Für mich haben Medien auch die Aufgabe, aktiv jenen Themen eine Öffentlichkeit zu geben, die zunächst gar nicht präsent sind. Oder im Hintergrund passieren. Sie müssen schauen: Welche Stimmen werden nicht gehört?

Linda Frosch: Aus der Perspektive der TV-Journalistin sehe ich unsere Verantwortung darin, die vielen Meinungen, die auf die Menschen den ganzen Tag über einprasseln, am Ende des Tages einzuordnen. Es geht darum, die Leute aus ihren Bubbles rauszuholen und mit anderen Standpunkten und einer Debatte zu konfrontieren.

Maryam Al-Mufti: So niederschwellig wie möglich den Menschen erklären: Was ist eigentlich los in der Welt? Das sollten Medien leisten. Leider kommen sie dieser Aufgabe nicht ausreichend nach. Das hat damit zu tun, dass die meisten Redaktionen sehr ähnlich aussehen: überwiegend weiß und in den oberen Etagen überwiegend männlich. Vor allem junge Menschen, migrantische und nichtakademische Personen müssten viel bewusster angesprochen KB: Ich hab den Eindruck, dass „Diversität“ zurzeit in Österreichs Redaktionen schon ein Thema ist, aber immer als etwas Anstrengendes, von außen Aufgedrücktes diskutiert wird. Dabei ist sie die größte Bereicherung – und es entgeht Redaktionen so viel Wissen, wenn sie darauf verzichten.

Bedeutet „Niederschwelligkeit“, um „alle“ zu erreichen, auch ein Absenken der Qualität?

Lionel Hausheer: Nein, Niederschwelligkeit ist gerade Teil guter Qualität. Aber statt sich auf schwierig erreichbare gesellschaftliche Gruppen zuzubewegen, steigt bei den etablierten Medien die Selbstreferenzialität. Man schafft sich seinen eigenen Bedeutungsraum. Und das ist eine Gefahr. Mit Hashtag versuchen wir es anders: Wir entwickeln neue digitale Formate für Plattformen, wo sich Jugendliche aufhalten, wir versuchen ihnen das Mitreden zu ermöglichen. Natürlich sind wir bei diesem Versuch nicht alleine.

Katharina Brunner: Ihr seid nicht alleine, aber wirklich neue Ansätze auf diesem Feld erkenne ich zurzeit nur bei jungen Mediengründungen, wo die Dinge von Grund auf neu gedacht werden. Bei großen Medien gibt es Ansätze – etwa beim Standard der Videochannel für junge Leser:innen –, aber sie müssten ihre Zielgruppen noch weiter diversifizieren. Man muss von diesem alten Denken wegkommen: Ich positioniere mich als Medium, dann gruppiert sich um mich ein Publikum. Hin zu: Wem fehlt ein Medium? Wessen Lebensrealitäten werden nicht repräsentiert? Wo sind meine potenziellen Zielgruppen, und wie kann ich sie erreichen?

Linda Frosch: Die Zielgruppe „möglichst alle“ finde ich sehr schwierig. Irgendwo muss jedes Medium Abstriche machen. Niemand will „für die Quote“ die journalistische Qualität senken. Andererseits können wir gewisse Formate gar nicht mehr machen, wenn keiner aufdreht. Dann landen wir wieder bei einer Diskussion über die Medienförderung – wie können qualitätsvolle Inhalte ermöglicht werden, unabhängig von der Quote?

Julia Rauch: Ich arbeite bei einem Medium, das versucht, Information niederschwellig aufzubereiten. Besonders bei „tagespolitischen“ Inhalten fragt man sich aber immer wieder: Wie kann man diese speziell für eine jüngere Zielgruppe kürzer, schneller, knackiger machen? Und da f inde ich beispielsweise den TikTok-Channel der „Zeit im Bild“ schon sehr gelungen. Die beiden Macher:innen sind teilweise einfach mit dem Smartphone unterwegs, können sehr spontan agieren. Ich denke, dass hier das Potenzial für große Newsmedien noch lange nicht ausgereizt ist.

Maryam Al-Mufti: Wen meinen wir mit „alle“? Reden wir mal kurz übers Skifahren im ORF. Ich kenne in meinem Umfeld keine Person mit migrantischem Background oder aus einer niedrigeren Einkommensklasse, die sich dafür auch nur im Entferntesten interessiert. Trotzdem läuft das den ganzen Winter 24 / 7. Das ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Welche Öffentlichkeit ist hier gemeint? Und diese Grundhaltung zieht sich genauso durch die Nachrichten und andere Angebote. Und ganz explizit wird es dann bei den Comedyformaten, in denen jeder zweite Witz sexistisch und jeder dritte rassistisch ist. Alle zu erreichen, schon klar, ist nicht möglich. Aber manche Personengruppen werden ja nicht mal als Teil der Öffentlichkeit gesehen, die man erreichen möchte.

Man hört gerade jungen Journalist:innen gegenüber oft den Vorwurf, sie gingen ihren Job zu „aktivistisch“ an. Zählt Haltung mehr als Objektivität?

Julia Rauch: Ich sehe mich auf keinen Fall als Aktivistin, aber will die Welt auch nicht „neutral“ betrachten. In der Praxis bedeutet das: Ich gehe niemals mit einer vorgefertigten Meinung über einen Menschen in ein Interview, gleichzeitig dürfen aber meine Vorstellungen in den Fragen durchscheinen.

Katharina Brunner: Nur die allgemeine Weltsicht der Mehrheitsgesellschaft kann die „Objektivität“ hervorbringen, die hier verlangt wird. Sichtweisen von Menschen aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen gelten dagegen automatisch als „subjektiv“. Wenn wir bei Andererseits in einem Artikel schreiben, dass die UN-Behindertenrechtskonvention nicht eingehalten wird, dann ist das kein „Aktivismus“, sondern wir weisen auf einen Missstand hin. Und umgekehrt gedacht: In anderen Medien werden Behindertenrechte tagtäglich massiv ausgespart – betreiben diese Medien also Anti-Inklusions-Aktivismus?

Maryam Al-Mufti: Einige Menschen haben da keine Wahl. Ich bin gezwungenermaßen Journalistin und Aktivistin. Viele finden ja zum Journalismus in der Hoffnung, diskriminierenden Denkmustern in der Gesellschaft entgegenwirken zu können. Weil für sie als muslimische, jüdische, queere, behinderte oder anders markierte Menschen ihre Existenzberechtigung täglich infrage gestellt wird.

Es steht die Frage im Raum: Können Journalist:innen über Themen wie Diskriminierung besser berichten, wenn sie selbst davon betroffen sind?

Katharina Brunner: Ja und nein. Das Wissen über Diskriminierung muss einmal von irgendwoher kommen, und deshalb sind die Perspektiven von betroffenen Journalist:innen so wichtig. Aber auch ich kann selbstverständlich als Nichtbetroffene Erfahrungsberichte einholen und berücksichtigen. Es ist sogar meine Pflicht als Journalistin.

Lionel Hausheer: Was ich problematisch fände, wäre eine Herangehensweise, wo Journalist:innen über ein Thema berichten, ohne dafür mit Betroffenen zu reden.

Maryam Al-Mufti: Die Debatte ist in meinen Augen völlig realitätsfern. Wir sind doch erst am zaghaften Anfang davon, Positionen von Betroffenen in die Medien hereinzuholen. Diese Frage „Sollen jetzt also nur mehr Betroffene über diese Themen schreiben dürfen?“ wird von weißen Redaktionen ganz bewusst in die Arena geworfen, weil sie polarisiert und für Aufmerksamkeit sorgt. Von einer Welt, in der Betroffene Mediendiskurse auch nur annähernd gleichwertig mitgestalten können, sind wir in der Realität weit entfernt.

Linda Frosch: Die „Haltungsdebatte“ erinnert mich an die Debatte um Political Correctness: Eine ältere Generation, meist Kinder der 1960er und 1970er Jahre, sieht sich selbst als progressiv und weltoffen. Bis plötzlich eine junge Generation kommt und sagt: Hey, eigentlich läuft da noch ganz viel falsch. Und statt zu sagen: „Okay, wir schauen, wo wir besser werden können“, wird eine defensive Haltung eingenommen, um das liebgewonnene Selbstbild nicht zu gefährden.

Ein Phänomen der letzten Jahre ist sicherlich der Aufstieg von Parteimedien. Wie verfolgt ihr diesen Trend?

Lionel Hausheer: Überrascht bin ich davon nicht – ich sehe darin eine Auswirkung des Zusammenbruchs der Geschäftsmodelle der großen Medienhäuser. Eine offene demokratische Gesellschaft hat Interesse an einem lebendigen medialen Diskurs, wo die Bürger:innen eine Auswahl haben, sich Meinungen bilden können, sich auf die „Watchdogs“ verlassen können. Parteimedien nützen diesem Prozess nur wenig oder verhindern ihn sogar. Sie machen nun einmal keinen unabhängigen Journalismus, und wir dürfen uns das auch nicht von ihnen einreden lassen.

Julia Rauch: Ich hab mich mal mit Mitarbeiter:innen des Social-Media-Teams einer Parlamentspartei über deren Strategien unterhalten. Die Aussage war: Wir wollen unsere Arbeit hip aufbereitet an die junge Wählerschaft transportieren. Also quasi niederschwellige Informationsvermittlung aus dem Zentrum der Republik. Ich f inde das einen sehr problematischen Zugang. Eine andere Partei macht auf ihrem YouTube-Kanal ein „Sommergespräch“ mit dem Parteichef – man simuliert Journalismus. Wir müssen da sehr vorsichtig sein.

Maryam Al-Mufti: Leider habe ich den Eindruck, dass diese Parteimedien teilweise sehr gut funktionieren. Kontrast.at, also das Onlinemedium der SPÖ, ist in meinem Umfeld ziemlich beliebt. Und die meisten bekommen gar nicht mit, dass das aus einem Parlamentsklub kommt. Der parteiliche Hintergrund wird meines Erachtens bewusst verschleiert, um auf die Konsument:innen neutral zu wirken. Ich wäre für eine Kennzeichnungspflicht, damit besser zwischen Nachrichten und Parteiwerbung unterschieden werden kann.

Katharina Brunner: Vor allem, weil das Einordnen von Inhalten auf Social Media für Menschen, die sich nicht professionell damit beschäftigen, immer schwieriger wird. In diese verschwimmenden Grenzen setzen sich Parteimedien bewusst hinein.

Ist News Avoidance ein Problem, das ihr in der jungen Generation wahrnehmt?

Linda Frosch: Ich denke, es gibt News Avoidance, die eher ein Achten auf die eigene psychische Gesundheit ist, und eine andere Form, wo es dann problematisch wird: Wenn Menschen, wie etwa in der Corona-Pandemie, sich aus Überforderung oder Frustration bewusst abkoppeln und sagen: Ich will das alles nicht mehr hören. Da müssten wir uns als Medienschaffende fragen: Wie könnenwir diese Menschen wieder abholen?

Julia Rauch: Ich bemerke als Reporterin, die viel im öffentlichen Raum unterwegs ist, dass ein Übersättigungsgefühl weit verbreitet ist. Die gleiche Dynamik wie bei Corona geht jetzt rund um den Ukrainekrieg los. Es gibt so viele Menschen, die stolz erzählen, dass sie sich nur noch über Telegram-Gruppen informieren, weil „die Medien“ – und da werden wir alle in einen Topf geworfen – nur Falschinformationen verbreiten würden.

Lionel Hausheer: Da tummelt sich eine riesige Gruppe, die sich nicht bewusst informiert, aber bei ihrem täglichen Aufenthalt auf Social Media quasi nebenher informiert wird. Ich finde es deshalb ein unglaubliches Versäumnis der klassischen Medien, TikTok und andere neue Plattformen so zu vernachlässigen. TikTok ist das meinungsbildendste Medium in der jungen Generation. Und man sollte doch die Leute mit guten journalistischen Inhalten da erreichen, wo auch die Debatten stattfinden.

Fotos: Christoph Liebentritt

Diskutiert haben:

Linda Frosch

Nach Absolvierung des 360° JournalistInnen Traineeship der Mediengruppe Wiener Zeitung kam die 26-jährige Journalistin Anfang 2022 zu Puls4, wo sie in der Polit-Talk-Redaktion arbeitet und Sendungen wie „Pro & Contra“ und die „Puls 24 Sommergespräche“ mitbetreut.

Katharina Brunner

Die 26-jährige freie Journalistin produziert seit Februar 2022 im Team DATUM Breitengrade den Klima-Newsletter des Monatsmagazins. Sie gehört zum Gründungsteam von Andererseits, einem Onlinemedium von Menschen mit und ohne Behinderung.

Julia Rauch

Angefangen hat die Journalistin bei mehreren Radiosendern, etwa Orange 94.0. Heute arbeitet sie als TV-Reporterin für oe24.tv, wo sie über Tagesaktuelles berichtet. Daneben schreibt sie unter anderem für das Online-Kulturmedium Delay Magazine

Maryamal-Mufti

Die 23-jährige Wienerin aus Bagdad studiert Politikwissenschaft und begann ihre journalistische Laufbahn beim Stadtmagazin Biber und bei Die Chefredaktion. Seit 2022 ist sie Redaktionsmitglied im feministischen Magazin An.schläge. Außerdem betreibt sie die Instagramseite eineminute.at.

Lionel Hausheer

Nach Anfängen bei der Schweizer Tageszeitung Der Landbote arbeitete der heute 29-Jährige in der Entwicklungsabteilung von Bavaria Entertainment. Vor zwei Jahren übersiedelte er nach Wien, wo er seit 2022 bei Hashtag Media neue Formate entwickelt.

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Könnt ihr in eurem Alltag als Journalist:innen die Geschichten erzählen, die euch wichtig sind? Mit welchen Storyformaten habt ihr es da zu tun?

Antonia Rauth: Ich beschäftige mich in meiner Arbeit für die beiden Podcasts „Thema des Tages“ und „Inside Austria“ für den Standard sehr viel mit Fragen des Storytellings. Beide Podcasts bieten mir schon von ihren Grundkonzepten her ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Ich genieße vor allem den freieren Zugang, den man bei einer längerfristigen Podcast-Serie wie „Inside Austria“ wählen kann: Da kann man mit Elementen vom klassischen Interview über Porträts und vergleichende Darstellungen bis hin zu reportagigen Passagen eine mehrteilige Story in großem Bogen erzählen. Anna Jandrisevits: Bei der Chefredaktion habe ich zwei Aufgaben: Ich betreue meine jüngeren Kolleg:innen bei Videoreportagen und Texten, und ich produziere TikToks – bei denen ist das Besondere dass sie meistens spontan entstehen, etwa zu tagesaktuellen News oder einem Social-Media- Trend. Für uns ist es grundlegend, immer ganz nah an den Themen der jungen Menschen dran zu sein – der Stoff geht uns dabei nicht aus.

Jan Forobosko: Ich bin bei Puls24 in der tagespolitischen Online-Berichterstattung tätig, das gibt mir also quasi die Storys vor. Etwa ein Drittel meiner Arbeitszeit kann ich aber in meine zusätzlichen eigenen Storys stecken, was mir natürlich ein bisschen mehr Spaß macht. Ich arbeite recht textzentriert, werde aber – so wie der Sender es insgesamt vorhat – in Zukunft noch mehr in Richtung Video und Audio und Aufbereitung für mehrere Kanäle gehen.

Julian Kern: Ich war als Trainee bei der Mediengruppe Wiener Zeitung hauptsächlich in der Wirtschaftsredaktion beschäftigt. Es ging da weniger um Börsenkurse, als dass ich mich um Themen kümmern durfte, die nahe bei den Menschen sind, also etwa die Auswirkungen der Teuerung oder der Klimakrise. Das sind auch die Storys, die ich als Journalist in Zukunft machen möchte: rausfahren, mit den Menschen reden, Reportagen machen – vor allem in den Formaten Text und Video. Das ist als „Freier“ sicher etwas leichter möglich, als wenn man fester Teil einer Redaktion ist, viel Zeit im Büro verbringen muss oder gegen den Druckschluss arbeitet.

Naz Küçüktekin: Stichwort „nahe bei den Menschen“ – ich arbeite beim Kurier für „Mehr Platz“. Das ist unser Versuch, auf die Tatsache zu reagieren, dass mittlerweile 25 Prozent der Österreicher:innen Migrationshintergund haben. Mein Kollege Mirad Odobašić und ich wollen das Leben, das wir in Wien auf der Straße erleben, aber in den meisten Medien nicht wiederfinden, in der Zeitung abbilden. Dementsprechend hole ich viele Menschen aus den Communitys vor den Vorhang, schreibe vor allem Porträts und Interviews. Und manchmal auch kolumnenartige Texte über Identitätsfragen. Ursprünglich bin ich im Text zu Hause, aber ich mache für den Kurier jetzt auch TikToks.

Wo seht ihr in Sachen journalistisches Storytelling das größte Entwicklungspotenzial


Naz Küçüktekin: Gerade in Österreich müssen wir einfach viel näher an die Realität ran. Und wir müssen uns endlich trauen, diese alte Denke zu überwinden: Wir schreiben die Geschichte fürs gedruckte Papier – und dann übertragen wir sie, so wie sie ist, noch irgendwie „ins Internet“. Die Onlinekanäle müssten zuerst bedient werden, das heißt, auch mehr personelle Ressourcen bekommen. Und die gedruckte Ausgabe müsste dann ganz für sich gedacht werden – wieder mit eigens dafür erzählten Storys.

Antonia Rauth: Die personellen Ressourcen sind das Um und Auf. Tik- Toks oder andere Social-Media- Inhalte zu produzieren, ist keine Nebenbeschäftigung, sondern es verlangt genauso viel Zeit, Recherche und Aufmerksamkeit wie andere Formate. Das haben viele große Medienhäuser noch immer nicht verstanden, sie unterschätzen
den Arbeitsaufwand

Julian Kern: Eine gute Geschichte muss, glaube ich, nicht immer so viel leisten. Wenn der oder die Leser: in irgendetwas mitnehmen kann, ist die Geschichte gelungen. Das kann auch eine simple Service-Story sein: Wie spare ich beim Handyvertrag? Aber natürlich, einen gewissen sozialen Impact sollte eine gute Geschichte schon haben.

 

Wo schreiben Medien an euren Leben als junge Menschen vorbei?

Jan ForoboskoMir als gebürtigem Kärntner fällt es extrem auf, wie Wienbezogen die österreichischen Medien sind – und in Wien wiederum sind die Medien zentrumsbezogen, die Außenbezirke sind deutlich weniger präsent. Man sieht das Bild von der als „normal“ angesehenen Bevölkerung, finde ich, immer ganz schön in den diversen Straßenumfragen: Wem wird auf der Mariahilfer Straße das Mikrofon unter die Nase gehalten? Die Chefetagen in den Medien sind halt noch immer sehr männlich, mittelalt, weiß und Wien-zentriert besetzt. Diesen engen Blickwinkel müssen wir erweitern.

Naz Küçüktekin: Wenn ich zum Beispiel eine Reportage im 16. Bezirk mache, dann kann ich mit den türkeistämmigen Wiener:innen dort auf Türkisch reden, wenn sie das wollen. Das eröffnet ganz andere Möglichkeiten der Berichterstattung. Das ist etwas, was in den meisten Redaktionen noch fehlt. In Medien wird außerdem immer noch ganz unterschwellig das Gefühl der guten und der bösen Fremdsprachen vermittelt: Gut sind Englisch oder Französisch, böse sind Türkisch, Arabisch oder BKS. Dass ich mich als 26-jährige Frau mit Migrationshintergrund da oft nicht abgeholt fühle, ist wohl nicht überraschend.

Anna Jandrisevits: Viele Leute, die in unsere Journalismus-Summer-School kommen, wagen es nicht einmal, davon zu träumen, eines Tages in einem Medium einen Platz zu finden. Weil sie mit der Erfahrung aufgewachsen sind, dass die österreichische Medienwelt nichts mit ihrem Leben zu tun hat und nicht zu ihnen spricht. Ich denke, dass man sich zurzeit Diversität gerne als Label anklebt, um halt auch „dabeizusein“, aber die nötige Sensibilität dahinter noch völlig fehlt. Eine Frau mit Migrationsgeschichte bekommt halt eine Kolumne – das ist dann „as diverse as it gets“.

Würden junge Journalist:innen gerne mehr über die Klimakrise schreiben?

Naz Küçüktekin: Ich würde mir wünschen, dass über die Klimakrise so berichtet wird wie über die Corona-Pandemie: jeden Tag auf der Titelseite, Liveticker et cetera. Der Unterschied ist: Die Klimakrise ist nichts unmittelbar Greifbares wie eine Krankheit. Ich denke, bei uns als Gesellschaft ist es noch immer nicht angekommen, dass wir schon mitten in dieser Krise stecken.

Jan Forobosko: Meiner Meinung nach sollte jedes Medienhaus ein Klimaressort haben, das dieses komplexe Thema umfassend abdecken kann. Im regulären Journalismus bleibt man nämlich oft in konventionellen, aber unpassenden Formaten hängen, wie Meinung / Gegenmeinung, oder es entstehen reportagige Berichte über eine Naturkatastrophe, wo dann das individuelle menschliche Leid in den Mittelpunkt gerückt wird – was den Blick aufs größere Problem aber oft verstellt.

Julian Kern: Das darf auf keinen Fall passieren. Aber grundsätzlich braucht es schon viel mehr Reportagen, gerade aus ländlichen, touristischen Gegenden Österreichs, wo es viele Menschen gibt, die aus verschiedenen Gründen noch immer die Klimakrise anzweifeln. Dort liegen die Geschichten „vor der Haustür“, zum Beispiel wenn sich gerade dievFauna invden Alpenseen aufgrund der höheren Wassertemperaturen verändert. Man muss dort hinfahren und mit den Menschen reden.

Antonia Rauth: Ich finde es problematisch, wenn Klimajournalismus per se als „Aktivismus“ verunglimpft wird. Diese Krise wird das gesamte Leben unserer Generation prägen. Solange man sich an journalistische Standards hält, ist es genauso wenig „aktivistisch“, wie wenn über andere Krisen berichtet wird.

 

Wie werden sich Social Media als News-Kanal weiterentwickeln? Wo liegen hier die Potenziale?

Anna Jandrisevits: Tagesaktuelle News und Geschichten über unterschiedliche Lebensrealitäten erreichen auf Social Media viel mehr Menschen. Für die Chefredaktion haben wir zum Beispiel mit dem Völkerrechtler Ralph Janik ein „Erklärvideo“ zum Ukrainekrieg gemacht – und eine Fragefunktion eingefügt. Wir waren drei Wochen lang damit beschäftigt, alle Fragen zu beantworten. Unsere Storys wurden täglich zigtausende Male angeschaut. Das Informationsbedürfnis zu diesem Krieg gerade unter jungen Menschen war und ist enorm. Hier spielen Social Media ihre Stärken aus – weil man viel mehr Interaktion hat und man unmittelbar sieht, was die Leser:innen interessiert.

 

Fotos: Christoph Liebentritt