Interview mit Julia Krickl vom ÖIAT Research Team
Hier geht´s zum PDF: Faktenskills sind jetzt Creatorskills
Was einmal nach Sci-Fi klang, ist heute ein echtes Problem für alle, die mit Content arbeiten, egal ob Journalist:in, TikTok-Creator oder Social-Media-Redakteur:in. Das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) ist Teil eines Kooperationsprojekts der KIRAS Sicherheitsforschung „defame Fakes“. Wir haben bei Julia Krickl vom ÖIAT Research Team nachgefragt und sie erklärt, wie Deepfakes die tägliche Arbeit verändern und warum klassische Faktencheck-Skills plötzlich wichtiger sind denn je.
Die gute Nachricht zuerst: Die herkömmlichen Tools und Prüfschritte haben sich nicht komplett verändert. Die schlechte: Die Menge an Müll (aka „Slop“) ist explodiert.
Die Erhebung zeigt klar, dass sich vor allem die Skalierung und Qualität von Deepfakes geändert hat. Hochwertige KI-generierte Videos lassen sich nicht mehr durch Bauchgefühl oder einfache Recherchen erkennen. Während früher Kontextwissen oft ausreichte, um manipulierte Inhalte zu entlarven, wird das bei hochqualitativen KI-Videos zunehmend schwieriger.
„Die Skills, die in Faktencheck-Redaktionen seit Jahren perfektioniert werden, haben besonders jetzt immensen Wert und sollten an jede:n Redakteur:in weitergegeben werden.“
Die große Frage also lautet: Wie prüft man unter Zeitdruck, ohne KI-Expert:in zu sein, ob ein Video echt ist? Julias Antwort ist klar: Detektionstools werden unverzichtbar. Tools, die Medienmanipulation oder den Einsatz generativer KI erkennen können, werden in Zukunft ein fixer Bestandteil redaktioneller Workflows sein, so selbstverständlich wie heute Reverse Image Search. Gerade für junge Medienschaffende heißt das: Faktencheck ist kein Nischenskill mehr, sondern ein zentrales Creator-Skill.
Wenn wir Bildern und Videos nicht mehr blind trauen können, bleibt eine Frage: Wem trauen wir dann? Die Erhebung zeigt, dass seriöse Quellen an Wichtigkeit gewinnen werden. Vor allem wenn Unsicherheit zunimmt, wenden sich Menschen an Kanäle, denen sie vertrauen. Das könnte eine echte Chance für Qualitätsmedien sein, auch (oder gerade) bei jüngeren Zielgruppen.
Darüber hinaus gibt es eine klare Aufforderung: Plattformen müssen stärker in die Pflicht genommen werden, KI-generierte oder manipulierte Inhalte klar zu kennzeichnen. Inhalte können bei den Plattformen selbst aber auch bei Trusted Flagger gemeldet werden, auch wenn das nicht immer perfekt funktioniert. Ein zusätzlicher aber ressourcenintensiver Schritt wäre, Richtigstellungen direkt unter Fakes zu posten. Genau dort, wo Nutzer:innen ohnehin nach Orientierung suchen.
Das Fazit der Erhebung ist deutlich: Medienschaffende sind die erste Verteidigungslinie gegen die Verbreitung von Deepfakes. Deepfakes sind gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist nicht, ob wir mit ihnen dealen müssen, sondern wie gut wir das schaffen.
Infos & Quellen
Quellen:
Interview mit Julia Krickl vom ÖIAT, 02.02.2026
Hier geht´s zum PDF: Kritisch durch die Weihnachtszeit – Wenn Mythen mitfeiern
Weihnachten, die Zeit für Harmony, Love und Family-Time. So stellen wir uns das vor, oder? In der Realität läuft es oft anders. Plötzlich sitzt man mit der Familie am Tisch, inklusive Leuten, die man das ganze Jahr über kaum sieht und zack, es wird kompliziert. Besonders tricky wird es, wenn diese Familienmitglieder voll im Desinformationsuniversum herumschweben. Für Medienschaffende kann das richtig stressig sein: beruflich kämpft man für Fakten, privat merkt man, dass Argumente manchmal einfach nicht wirken. In solchen Momenten hilft es nicht, als „Expert:in“ aufzutreten, sondern als Mensch: zuhören, Verständnis zeigen und die Beziehung in den Vordergrund stellen. Aber wie macht man das ohne Drama?
Wichtig ist zu verstehen, warum Menschen überhaupt auf Fake News, Verschwörungstheorien oder übermäßige Medienskepsis hereinfallen. Wer darauf hereinfällt, ist nicht automatisch beeinflussbar oder gar dumm, das kann jedem:r passieren. Diese Perspektive kann man ruhig vermitteln. Fake News zu erkennen ist lernbar, ebenso die Emotionen, die oft eine große Rolle dabei spielen, kritisch zu hinterfragen. Schwieriger wird es, wenn Familienmitglieder in eine Ideologie abdriften, die wir nicht nachvollziehen können und für die es keine klaren Beweise gibt.
Wer auf diese Milchstraße abbiegt und weiterfliegt, bei dem:der gibt es oft einen individuellen Trigger: Gefühle von Ohnmacht, der Eindruck, keinen Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben, Unsicherheit oder das Gefühl, auf der Verlierer:innenseite zu stehen. Ideologien vereinfachen die Welt, ordnen sie in Gut und Böse und wirken gerade in unsicheren Zeiten stabilisierend. Fast alle Fake-News und Verschwörungstheorien folgen einem ähnlichen Muster: Es gibt ein Problem, eine:n Schuldige:n und eine Lösung – die obviously aus der Beseitigung der Schuldigen besteht. Mit der Flucht in dieses Paralleluniversum, können Menschen Kontrolle zurückgewinnen oder Selbstwirksamkeit erleben, zum Beispiel durch Protest oder das Gefühl, aktiv etwas zu tun.
Wie offen jemand für andere Sichtweisen ist, hängt stark davon ab, wie identitätsstiftend die jeweilige Ideologie für ihn oder sie ist. Gegenargumente allein wirken oft nicht, im Gegenteil: Sie führen eher zu Abwehrhaltung. Alexander Eydlin beschreibt das sehr gut in einem ZEIT-Artikel: In seiner Zeit als Anhänger von Verschwörungstheorien hat ihn der Versuch seines Umfelds, ihn „umzuerziehen“, nur noch weiter in seine Bubble getrieben. Wirkung zeigte hingegen der persönliche Kontakt:
„Nicht die Argumente haben mich überzeugt, sondern die beständigen Freundschaften mit Menschen, die meine Ideen nicht teilten und dennoch mehr in mir sahen als einen Spinner. Sie stritten mit mir, aber erst nachdem sie sich die Zeit genommen hatten, meine Gedanken zu verstehen. Die Zeit, der Respekt und die Zuneigung zu mir als Person waren wertvolle Ressourcen, die mir Sinn jenseits der Mythen gaben. Das Verhalten der Person war wichtiger als ihre Ansichten.“
Die Botschaft: Beziehung zählt. Den Kontakt aufrechtzuerhalten, Fragen zu stellen und Dialogbereitschaft zu zeigen, wirkt oft mehr als harte Fakten. Abwertungen wie „Du bist verrückt!“ sind kontraproduktiv. Sie zerstören Vertrauen und die Person verschließt sich noch mehr.
Was heißt das konkret für dich an Weihnachten? Den weihnachtlichen Frieden mit einer Diskussion zerstören oder doch lieber schweigen? Grundsätzlich musst du dir vorher klar überlegen, was du mit einem Gespräch erreichen willst, um nicht daran zu vergehen. Möchtest du nur wissen, was dahintersteckt oder möchtest du jemanden überzeugen? Du muss auch nicht sofort eine Diskussion starten. Es kann auch ausreichen, einfach auszudrücken – nicht abwertend, das ist ganz wichtig! – dass man mit etwas nicht einverstanden ist. Das überzeugt zwar niemanden, aber du setzt ein Zeichen. Auch wenn du bei einer Diskussion nicht zur Person durchkommst und ihre Meinung änderst, kann es trotzdem sein das andere Personen am Tisch zuhören und du sie zum Nachdenken anregst. Wir können mit Gegenargumenten nicht die Welt retten, aber sie ein bisschen besser machen.
Infos & Quellen
Beratungsstellen:
- https://bundesstelle-sektenfragen.at
- https://www.beratungsstelleextremismus.at/
Quellen:
- https://www.beratungsstelleextremismus.at/wp-content/uploads/2021/08/Beratungsstelle_Extremismuserungstheorien.pdf
- https://www.derstandard.at/story/2000121955526/warum-menschen-an-eine-verschwoerung-glauben
- https://www.zeit.de/politik/2020-09/verschwoerungstheorien-michael-butter-corona-demos-politikpodcast
- https://www.zeit.de/kultur/2020-09/verschwoerungstheorien-anhaenger-erfahrung-umgang-vorurteile-coronavirus
- https://www.lpb-bw.de/fake-news
Hier geht´s zum PDF: DIY Content Boost
In einer Welt, in der Informationen nonstop auf uns einströmen, wird Medienkompetenz wichtiger denn je. Wer Medienkompetenz hat, kann News besser einordnen, Qualität von Desinformation unterscheiden und Kommunikationsstrategien durchschauen.
Für dich als Medienschaffende:r heißt das: Wissen vermitteln alleine reicht nicht. Entscheidend ist, dass du Menschen wirklich erreichst, genau dort, wo sie unterwegs sind, mit Formaten, die zu ihrem Medienalltag passen.
Wir haben ein paar Tipps & Inspirationen gesammelt, wie du dein Medienwissen nutzen kannst, um deine Community mit klaren, nahbaren und relevanten Inhalten zu erreichen. Ready to try?
Ein Extratipp von uns: Wenn du bei einem Thema überfragt bist, melde dich gern bei uns. Wir helfen dir weiter bei der Ideenfindung, Recherche, Gestaltung und Vernetzung.
Ideenskizzen
Urban Legends
Bei einer Straßenumfrage wird nach einer sogenannten „Urban Legend“ aus der Umgebung gefragt. Dabei handelt es sich um eine Erzählung aus dem Volksmund. Die Geschichte wird dann einem Faktencheck unterzogen, der den Ursprung und die Bedeutung für die Region erklären soll, aber auch die Auswirkungen, die solche Erzählungen mit sich bringen.
Beispiel
In Baden gab es Anfang der 2000er die Geschichte, dass kleine Kinder entführt werden, wenn man alleine mit der Geisterbahn im Prater (Wien) fährt.
Tipps zur Umsetzung
Urban Legends lassen sich in ganz Österreich finden, weshalb das Format in allen Bundesländern umgesetzt werden kann. Dabei ist es wichtig, die Geschichten nicht einfach nur zu erzählen, sondern auch zu erklären, inwiefern diese Erzählungen falsch sind, Vorurteile verstärken, Handlungen und Einstellungen beeinflussen
Medien -Mikro
Ein Straßeninterview- oder Mini-Talk-Format, bei dem du Menschen kurz zu ihrer Mediennutzung, Meinung oder Wahrnehmung befragst. Die subjektiven Antworten können zum Nachdenken anregen.
Beispiele
- Glaubst du, Influencer sind ehrlich?
- Wie viele Apps wissen, wo du gerade bist?
- Hast du schon Mal was geteilt, was später falsch war?
- Was denkst du, wer entscheidet, was du zu sehen bekommst?
Tipps zur Umsetzung
Damit das Format sich abhebt, baue wiederkehrende Elemente ein. Wie etwa einen einheitlichen Look, einen sich wiederholenden Einstieg oder einen markanten Titel.
Rapid Fire – Serie
Rapid Fire ist ein Quiz-Game. In jedem Video tritt eine Person gegen den zuvor aufgestellten High Score an. Sie muss möglichst schnell so viele Fragen wie möglich beantworten. Je mehr Fragen sie richtig beantwortet, desto mehr Punkte erhält sie.
Beispielfragen
- Aus welchem Land stammt TikTok?
- Wie finanziert sich der ORF?
- Welcher österreichische Medienkonzern steht hinter der Gratiszeitung „Heute“?
- Welcher Film brachte den höchsten Umsatz aller Zeiten?
Tipps zur Umsetzung
Damit das Game etwas einen Rahmen bekommt kannst du es zum Beispiel auf einen Ort oder auf ein Fokusthema eingrenzen. Zusätzlich kannst du dir auch einen passenden Preis überlegen, der einen Anreiz zum Mitmachen bietet.
Lust, gemeinsam Ideen weiterzudenken? Wir freuen uns über jede Zusammenarbeit – und darüber, Inhalten gemeinsam mehr Medienkompetenz zu verleihen.
Melde dich, wenn du Fragen zu Medienthemen hast oder ein Projekt mit uns umsetzen möchtest!
We promise, das geht auch ganz easy!
Schreib einfach eine Mail an office@medienwissen.at.
Hier gehts zum PDF: KIdeMu Workshop Ergebnisse
Kann ChatGPT mit Journalist:innen mithalten? Wir haben es getestet: Beim diesjährigen re:think media hat das ZfM im Rahmen des Workshops „KIdeMu: KI deine Mutter“ das Experiment gestartet, wer wohl den besseren Kommentar über die aktuelle räumliche Nutzung des Platzes ZwiDeMu schreiben kann: Die KI oder doch der Mensch selbst? Insgesamt gab es vier Teams, von denen jeweils zwei ausschließlich KI zur Texterstellung nutzten, während die anderen beiden sich an standardisierte journalistische Praktiken halten mussten, ohne KI zu verwenden.
Die Zeit war mit 35 Minuten schon sehr knapp bemessen. Während bei den KI-Teams bereits ein ganzer Text inklusive Bild fertig war, waren die Teams ohne KI noch damit beschäftigt, draußen herumzurennen, Fotos vom Platz zu schießen, online zu recherchieren und das Ganze anschließend noch schön und „sexy“ in einen Text zu verpacken. Doch genau das machte das Experiment spannend.
Wie sich die knapp bemessene Zeit auf die Aufgabenstellung ausgewirkt hat, war dann an der Textlänge deutlich zu sehen. Die KI-Gruppen konnten mehr Zeilen produzieren und eine ausgewogenere Pro- und Kontra-Position beziehen. Also hier keine große Überraschung: Die KI liegt in puncto Zeitersparnis eindeutig vorn. Auch bei den Formalia wie Aufbau und Gliederung konnten die KI-Kommentare punkten. Allerdings scheint ChatGPT nur sehr ungern zu gendern und wenn, dann nur dort, wo es gerade möchte. So probably, we wouldn’t recommend that.
Ansonsten haben die KI-Teams die Aufgabenstellung aber ziemlich exakt erfüllt. Daher: Ab in den Druck damit!
Doch so einfach ist das dann auch wieder nicht. Ja, die selbst geschriebenen Texte waren weniger umfangreich in allen Punkten, kürzer und enthielten weniger Argumente, die für oder gegen die Nutzung des Platzes ZwiDeMu sprechen, was ja Teil der Aufgabenstellung war. Dennoch: Der eine oder andere Satz ringt einem beim Lesen ein Lächeln ab. Die Texte haben Charakter und spiegeln die Autor:innen selbst wider. Man erkennt, wie sie mit Humor arbeiten, ihre eigenen Blickwinkel auf ZwiDeMu werfen und was sie mit dem Ort verbinden. Das sind Sätze wie:
„Fragt man sie, so würden sie das Festival im besten Sinne des Wortes als gottlos bezeichnen. Im Gegensatz zu damals ist das allerdings ein Kompliment.“
Eine KI wie ChatGPT hingegen ist weniger kreativ, könnte Jugendliche vor Ort nicht dazu befragen oder gar ein Interview führen. Alles muss „gepromptet“ werden. Denn ChatGPT kann eines richtig gut und das ist, das Internet durchsuchen und das, was es dort findet, fein, strukturiert und sachlich wiedergeben. Und so lesen sich auch die KI-Kommentare: wie heruntergebrochene Fakten. Das mag in einem anderen Kontext hilfreich sein, widerspricht aber dem Kerngedanken eines Kommentars. Wir merken also: KI schafft es nur selten, und nur mit wirklich ausgezeichneten, ja geradezu perfektionierten Prompts, einen Schreibstil zu entwickeln, der eine Persönlichkeit hat.
Am Ende hat uns das Experiment vor allem eines gezeigt: KI kann ein äußerst nützliches Werkzeug sein, besonders dann, wenn es darum geht, sich schnell einen Überblick zu verschaffen, Argumente zu strukturieren oder eine Pro- und Kontraliste zu erstellen. In solchen Momenten erweist sich ChatGPT als hilfreicher Partner, der Ordnung ins Gedankenchaos und zusätzliche Inspiration bringen kann. Doch ChatGPT kann nur mit dem arbeiten, womit es trainiert wurde. Es reproduziert, was schon einmal gedacht, geschrieben oder gesagt wurde. Für neue Ideen, ungewohnte Blickwinkel und kreative Ansätze braucht es weiterhin den Menschen. Oder, anders gesagt: Die KI kann uns vieles abnehmen, das Denken aber bleibt unsere Aufgabe.
Hier gehts zum PDF: Dickpics werden strafbar
Dickpics werden strafbar
Aber wie genau kann man sich eigentlich gegen Online-Hass wehren?
Stalking, Hate Speech, Dickpics – viele Menschen machen online auch negative Erfahrungen. Aktuelle repräsentative Studien dazu, wie häufig solche Fälle in Österreich vorkommen, gibt es nicht; wenn man Medienberichten und privaten Anekdoten Glauben schenkt, sind die Zahlen dazu jedoch erstaunlich hoch. Auch Medienschaffende sind immer wieder Anfeindungen ausgesetzt.
Der Umgang mit diesen Erfahrungen ist mitunter schwierig und kräftezehrend, rechtliche Schritte sind aufwändig, langwierig und zum Teil schlicht nicht möglich.
Die gute Nachricht: Da tut sich gerade was!
Gesetzesänderung
Wer beispielsweise ungefragt Dickpics verschickt, kann in Zukunft dafür bestraft werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Bilder über soziale Medien, per Mail oder in Dating-Apps verbreitet werden – es handelt sich auf jeden Fall um eine Form von sexueller Belästigung.
Geahndet werden kann das Ganze mit einer Freiheitsstrafe bis zu 6 Monaten oder einer Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen.
Grundlage dafür ist eine Gesetzesänderung, die am 1. September 2025 in Kraft tritt.
„Ebenso ist zu bestrafen, wer eine andere Person belästigt, indem er ihr im Wege einer Telekommunikation oder unter Verwendung eines Computersystems eine Bildaufnahme von Genitalien unaufgefordert und absichtlich übermittelt.“
– § 218 Abs. 1b StGB.
Wie aber müssen Betroffene konkret vorgehen, wenn sie von digitaler Gewalt betroffen sind und dies zur Anzeige bringen wollen? Und was können Medienhäuser gegen sexuelle Belästigung und andere Formen von digitaler Gewalt tun?
Was du tun kannst
✔️ Dokumentiere den Vorfall, indem du Screenshots anfertigst und lokal abspeicherst. Schreib am besten auch die genauen Daten von Absender:in und Empfänger:in, konkrete Angaben zur Plattform sowie Datum und Uhrzeit auf.
✔️ Such dir Unterstützung und lass dich beraten. Mögliche Anlaufstellen sind zum Beispiel der Opfernotruf und die Gleichbehandlungsanwaltschaft. Beide sind auch per E-Mail und telefonisch erreichbar. Es gibt auch Angebote speziell für Frauen und für Männer.
✔️ Erstatte Anzeige bei der Polizei. Das kannst du direkt bei einer Polizeidienststelle oder sogar per E-Mail machen. Die Polizei empfiehlt jedoch die persönliche Variante, weil sie dann direkt Nachfragen stellen und tätig werden kann. Je besser du den Vorfall dokumentiert hast, desto besser stehen deine Chancen auf Erfolg.
❌ Schicke die Inhalte auf keinen Fall weiter, auch wenn du anderen „nur“ zeigen willst, was dir passiert ist. Im schlimmsten Fall machst du dich damit selbst strafbar.
Was Medienhäuser tun können
Viele Befragten der ICJF-Studie fühlten sich während ihrer Gewalt-Erfahrung verzweifelt und allein gelassen. Medienhäuser sind jedoch nicht nur Content Producers, sie sind auch Schutzräume – oder sollten es zumindest sein. Wenn du in deinem Team oder Haus Veränderungsbedarf siehst: Sprich es an! Teil der Lösung sein heißt auch, Strukturen zu hinterfragen.
„Many of the journalists interviewed for this study expressed exasperation and a sense of abandonment by their employers when they were in the midst of an online violence storm, even when there were credible threats of offline violence associated with these attacks.“ – a ICJF 2022, S.131
Damit das einfacher gelingt, machen wir dir in Anlehnung an das International Center for Journalists (ICJF) konkrete Vorschläge, wie Medienunternehmen digitaler Gewalt erfolgreich begegnen können.
Schritt 1: Die Realität anerkennen
💡Medienunternehmen sind online ebenso für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter:innen verantwortlich wie offline. Es gilt die Fürsorgepflicht.
Schritt 2: Die Prävention stärken
💡 Klare Richtlinien aufstellen
Wer ist zuständig, wenn digitale Gewalt passiert? Was zählt überhaupt dazu? Und was passiert dann? Diese Fragen brauchen Antworten – schriftlich, verständlich, für alle zugänglich.
💡 Anlaufstellen schaffen
Betroffene brauchen klare Wege zur Hilfe, ohne Angst vor Nachteilen. Wer diese Wege betreut, muss geschult und empathisch sein.
💡 Medienkompetenz stärken
Nicht jede Redaktion muss zur Digital-Unit werden, aber Grundlagen zu Datenschutz, digitaler Selbstverteidigung und Deeskalation gehören heute in jedes Redaktionstraining.
💡 Risiken mitdenken
Ihr plant einen investigativen Beitrag, ein kontroverses Interview oder einen Social-Media-Stunt? Dann gehört eine Risikoabschätzung dazu, und zwar nicht nur technisch, sondern auch psychisch und körperlich.
💡 Kommentarspalten managen
Community-Management braucht Regeln – und Leute, die sie durchsetzen können. Wenn’s zu viel wird: Kommentarfunktion gezielt drosseln oder abschalten. Kein Grund zur Panik, sondern aktiver Schutz.
💡 Psychologische Hilfe anbieten
Manche Angriffe hinterlassen Spuren. Supervision, Einzelgespräche, Coaching: Was auch immer hilft, sollte niedrigschwellig verfügbar sein.
Schritt 3: Richtig reagieren
💡 Sicherheit schaffen
Online-Hass kann in reale Gefahr umschlagen. Wenn’s brenzlig wird: Unterbringung an einem sicheren Ort prüfen.
💡 Rückendeckung organisieren
Private Accounts deaktivieren, juristische Beratung einholen, konstantes Monitoring. Oft brauchen Betroffene aktive Hilfe im Hintergrund.
💡 Öffentliche Solidarität zeigen
Kein „Wir halten uns da raus“. Wenn ein Angriff passiert, heißt’s Haltung zeigen. Eine klare Stellungnahme von oben kann mehr Schutz bedeuten als jedes Sicherheitstool.
💡 Dokumentation nicht vergessen
Screenshots, Links, Uhrzeiten – alles sichern! Nicht nur fürs Verfahren, sondern auch, um intern zu lernen: Was hat funktioniert, was nicht?
💡 Juristische Unterstützung anbieten
Ob Anzeige oder Unterlassung: Rechtsschutz darf nicht an der Kostenfrage scheitern. Klare Vereinbarungen helfen.
💡 Wenn nötig Anzeige erstatten
Das Unternehmen kann und soll federführend agieren, wenn es die Lage erfordert, jedoch immer in Abstimmung mit der betroffenen Person.
Q&A
Wir haben mit einer Juristin über das Thema gesprochen und ihr einige Fachfragen gestellt. Hier sind ihre Antworten.
Achtung: Es handelt sich hier um eine allgemeine Einschätzung und um keine verbindliche rechtliche Auskunft!
Welche Straftatbestände können im Zusammenhang mit digitaler Gewalt greifen?
Hass im Netz kann sich auf vielfältige Weise darstellen. Hasspostings im Internet können auch verschiedene Straftatbestände erfüllen. In Betracht kommen dabei neben Straftatbeständen des Verbotsgesetzes 1947 insbesondere folgende Delikte des österreichischen Strafgesetzbuches (StGB):
- Nötigung (§ 105 StGB)
- Gefährliche Drohung (§ 107 StGB)
- Beharrliche Verfolgung (§ 107a StGB)
- Fortdauernde Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems (§ 107c StGB)
- Aufforderung zu mit Strafe bedrohten Handlungen und Gutheißung mit Strafe bedrohter Handlungen (§ 282 StGB)
- Verhetzung (§ 283 StGB)
- Verleumdung (§ 297 StGB)
- Kreditschädigung (§ 152 StGB)
- Üble Nachrede (§ 111 StGB)
- Vorwurf einer schon abgetanen gerichtlich strafbaren Handlung (§ 113 StGB)
- Beleidigung (§ 115 StGB)
Gibt es hier einen Unterschied zwischen Privatpersonen und Unternehmen?
Von „Hass im Netz“ wird nur der höchstpersönliche Lebensbereich einer Person geschützt, über den nur natürliche Personen verfügen. Juristische Personen könnten sich etwa über § 1330 ABGB (Kreditschädigung) Abhilfe schaffen.
Kommt dem Arbeitgeber eine Verpflichtung zu?
Neben der von Hass im Netz betroffenen Person selbst kann auch die/der Arbeit- oder Dienstgeber:in gegen die Persönlichkeitsrechtsverletzung (das Hassposting) gerichtlich vorgehen.
Wenn Hasspostings gegen Mitarbeiter:innen in Zusammenhang mit deren Arbeit gerichtet sind, steht unter bestimmten Voraussetzungen auch der/dem Arbeit- oder Dienstgeber:in die Klage offen. Das ist der Fall, wenn das Hassposting geeignet ist, entweder
- die Möglichkeiten der Arbeit- oder Dienstgeber:in, die/den Mitarbeiter:in einzusetzen, nicht unerheblich zu beeinträchtigen, oder
- das Ansehen der Arbeit- oder Dienstgeber:in erheblich zu schädigen.
Wichtig ist: Es gibt dazu keine Verpflichtung der Arbeit- oder Dienstgeberin. Wenn die Arbeit- oder Dienstgeber:in sich aber dazu entscheidet, dann bedarf es auch keiner Einwilligung des/der Mitarbeiter:in.
Was kann ein Unternehmen tun, wenn es immer wieder mit Hasspostings und bösartigen Kommentaren konfrontiert ist?
Wie eingangs ausgeführt, kann sich „Hass im Netz“ ganz unterschiedlich gestalten und hat viele Erscheinungsformen, die sich auch stetig weiterentwickeln. Dementsprechend gibt es auch keine rechtliche einheitliche Definition oder Abgrenzung. Hasspostings im Internet können somit auch verschiedene zivilrechtliche, aber auch strafrechtliche Straftatbestände erfüllen.
Das Hass-im-Netz-Bekämpfungs-Gesetz (HiNBG) BGBl I 2020/148 enthält zivilrechtliche, medienrechtliche und strafrechtliche Maßnahmen zur leichteren Entfernung so genannter Hasspostings aus den Foren sozialer Netzwerke.
Mit dem Gesetzespaket „Hass im Netz“ hat der österreichische Gesetzgeber ein zivilgerichtliches Sonderverfahren vorgesehen, das auf die Eigenheiten von Hasspostings Rücksicht nehmen soll. Aufgrund der Verbreitung im Internet verlangt ein Vorgehen gegen Hasspostings nämlich insbesondere ein schnelles Vorgehen und rasche Abhilfe: Dazu wurde ein „Eilverfahren“ für massive Fälle von Persönlichkeitsrechtsverletzungen zur Verfügung gestellt.
Dabei handelt es sich um ein Gerichtsverfahren, mit dem Betroffene rasch und kostengünstig bestimmte rechtsverletzende Inhalte (etwa Texte, Postings, Bilder) aus dem Internet beseitigen können. Dazu kommt es dann, wenn durch die betreffenden Inhalte die Persönlichkeitsrechte erheblich (nämlich in einer die Menschenwürde beeinträchtigenden Weise) verletzt werden.
Weitere Infos und Hilfe dazu gibt’s hier.
Nach dem Mediengesetz (MedienG) kann das Opfer von Hass im Netz unabhängig oder zusätzlich zu einem Straf- oder Zivilverfahren verschiedene Ansprüche geltend machen. Diese können sich aus Veröffentlichungen in Medien ergeben. Dazu zählen etwa Zeitungen, Bücher und Zeitschriften, aber auch Online-Medien wie Websites, Blogs, soziale Netzwerke, Video-Kanäle oder Podcasts.
Für Opfer von Hass im Netz sind dabei insbesondere das selbständige Entschädigungsverfahren (§ 8a MedienG) und das Verfahren zur Einziehung und/oder Urteilsveröffentlichung (§§ 33, 34 MedienG) von Bedeutung.
Wie lange dauert es durchschnittlich, bis ein Verfahren abgeschlossen ist? Und wie wahrscheinlich ist es, dass der/die Täter:in zur Verantwortung gezogen wird?
Verfahrensdauer und Erfolgschancen richten sich immer nach dem Verfahren. Das (zivilgerichtliche) Eilverfahren soll bewusst schnelle Abhilfe schaffen und wurde gerade aufgrund der potenziell längeren Verfahrensdauer von Gerichtsverfahren vorgesehen. Eine Statistik zu den abgeführten Verfahren wurde – soweit ersichtlich – bislang nicht veröffentlicht. Höchstgerichtliche (und damit veröffentlichte) Entscheidung sind zuteil teilweise ergangen.
Infos & Quellen
Kontext
Hass im Netz ist nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein medienkompetenzbezogenes Problem. Denn wer Medien macht, muss digitale Räume verstehen. Und das schließt auch ihre Risiken mit ein. Medienkompetenz bedeutet in diesem Kontext also: Gefahren erkennen, sicher handeln und andere darin schulen können. Sie ist die Grundlage, um digitale Gewalt nicht nur zu überstehen, sondern ihr aktiv etwas entgegenzusetzen.
Quellen
Bundesministerium Justiz: https://www.bmj.gv.at/themen/Fokusthemen/gewalt-im-netz/Zivilrechtlicher-Schutz/Das-Mandatsverfahren.html.
Gleichbehandlungsanwaltschaft: https://www.gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at/.
Kontrast.at: https://kontrast.at/dickpic-paragraf-oesterreich/.
Menschen machen Medien; Annika Schubert (2023): https://mmm.verdi.de/beruf/digitale-gewalt-gegen-journalistinnen-93193/.
Ombudsstelle: https://www.ombudsstelle.at/hass-im-netz/wie-mache-ich-eine-strafanzeige/.
Stadt Wien: Datenlage zu Cyber-Gewalt: https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/gewalt/kampagnen/cyber-gewalt/datenlage.html#:~:text=Neben%20der%20EU%20%2DStudie%20gaben,BIM%2C%20Wei%C3%9Fer%20Ring%202018.
Strafgesetzbuch, § 218: https://www.ris.bka.gv.at/NormDokument.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10002296&Paragraf=218.
Erläuterungen Strafgesetzbuch, § 218 Abs. 1b: https://www.bmj.gv.at/dam/jcr:b4717513-c9bd-4da3-afa5-b30c89ba84d2/Erl%C3%A4uterungen%20StGB_%C3%84nderung.pdf.
Studien
Habringer, Magdalena; Hoyer-Neuhold, Andrea & Messner, Sandra (2021). (K)ein Raum. Cyber-Gewalt gegen Frauen in (Ex-)Beziehungen. Forschungsbericht. https://digital.obvsg.at/obvfcwacc/download/pdf/8718964
Forschungszentrum Menschenrechte & Weisser Ring Opferschutzhilfe (2018). esc. Gewalt im Netz gegen Frauen & Mädchen in Österreich.
- Studie: https://www.weisser-ring.at/wp-content/uploads/2019/10/Studie_Bestandsaufnahme_Gewalt_im_Netz_gegen_Frauen_und_M%C3%A4dchen_in_%C3%96sterreich.pdf.
- Broschüre: https://gmr.lbg.ac.at/wp-content/uploads/sites/12/2021/10/broschuere-gewalt-im-netz_2018.pdf.
ICJF (2022). The Chilling: A Global Study On Online Violence Against Women Journalists. Hrsg. v. Julie Posetti und Nabeelah Shabbir. https://www.icfj.org/our-work/chilling-global-study-online-violence-against-women-journalists.
Mediendienst Integration & IKG. Papendick, Michael; Rees, Yann; Wäschle, Franziska & Zick, Andreas (2020). Hass und Angriffe auf Medienschaffende. Eine Studie zur Wahrnehmung von und Erfahrungen mit Angriffen auf Journalist*innen. https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Studie_Hass_und_Angriffe_auf_Medienschaffende.pdf.
RSF Reporter ohne Grenzen (2021). Wie Sexismus Journalistinnen bedroht. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Downloads/Berichte/2021/RSF_Frauentag_2021_Sexismus_Journalismus.pdf.
Saferinternet (2025). Sexuelle Belästigung Online. Durchgeführt vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung. https://www.saferinternet.at/news-detail/neue-studie-jugendliche-von-sexueller-belaestigung-im-internet-betroffen.
Hier gehts zum PDF: Hate Speech: Wer verbreitet Hass
Ein Blick auf neue Studienergebnisse
Ob als Kommentar unter einem Zeitungsartikel oder im TikTok-Feed: Hate Speech ist längst Teil unseres digitalen Alltags. Wie verbreitet Hasspostings sind, zeigt eine aktuelle Studie von Hutzinger und Weitzl (2025).
- 18 % der Menschen in Österreich haben in den letzten 12 Monaten Hasspostings veröffentlicht
- 37 % der regelmäßig Postenden waren in diesem Zeitraum mit Hate Speech beteiligt
- 8 % hatten bereits eine Account-Sperre – mutmaßlich wegen Hassverhaltens
Demnach haben 18 Prozent der Menschen in Österreich zwischen 16 und 75 Jahren in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Hass in sozialen Medien verbreitet – ein alarmierender Befund. Besonders bemerkenswert: Unter jenen, die regelmäßig posten, ist der Anteil sogar doppelt so hoch (37 %). Gleichzeitig wurde rund 8 % der Nutzer:innen bereits ein Account gesperrt – mutmaßlich aufgrund von Hassverhalten.
Doch wer postet solche Inhalte eigentlich und aus welchen Motiven? Um diesen Fragen nachzugehen, haben die Forschenden zwei repräsentative Online-Studien durchgeführt. Ihr Fokus lag nicht (wie häufig üblich) auf den Betroffenen oder Beobachter:innen von Hate Speech, sondern gezielt auf den Täter:innen. Analysiert wurden dabei sowohl die Häufigkeit der Hasskommentare als auch das Ausmaß deren inhaltlicher Hasserfülltheit.
Persönlichkeit schlägt Demografie
Das überraschende Ergebnis: Weder Alter, Geschlecht oder Bildungsgrad noch politische Orientierung sagen verlässlich voraus, wer Hasspostings schreibt. Stattdessen ist die individuelle Persönlichkeit entscheidend: Wer besonders zynisch, gefühllos (Psychopathie), machtorientiert (Machiavellismus) oder auf Aufmerksamkeit aus (Narzissmus) ist, verfasst nicht nur häufiger Hassbotschaften. Diese sind auch deutlich hasserfüllter. Einziger demografischer Effekt: Mit zunehmendem Alter nimmt der Hassgehalt ab.
Hass aus Rache und für Likes
Auch die Motive der Hater:innen geben Einblicke in deren Logik: Als häufigste Gründe für Hasspostings werden ideologische Überzeugungen genannt, gefolgt von Rache, Erheiterung, dem Wunsch nach Zugehörigkeit zur Gruppe und dem Streben nach Status. Was viele unterschätzen: Positive Rückmeldungen (also Likes, Shares oder zustimmende Kommentare) wirken wie ein Verstärker. Wer für seine Hasspostings digitale Zustimmung erhält, postet mit hoher Wahrscheinlichkeit auch künftig weiter.
Löschen hilft? Eher nicht
Eine weitere brisante Erkenntnis: Wird ein Hasskommentar gelöscht, erhöht sich das Risiko, dass der oder die Verfasser:in künftig noch mehr Hass verbreitet. Ein bloßes Entfernen solcher Inhalte greift also womöglich zu kurz – und kann sogar kontraproduktiv sein.
Was bedeutet das für Medienschaffende?
Medienunternehmen stehen damit vor einem Dilemma. Sie müssen Betroffene schützen und gleichzeitig vermeiden, Täter:innen durch Löschungen noch weiter zu radikalisieren. Dazu braucht es zum einen mehr Forschung, denn nur durch ausreichende Kenntnis der Sender:innen-Perspektive ist es möglich, effektive Maßnahmen gegen Hate Speech zu ergreifen. Wer wirkungsvoll gegen Hass im Netz vorgehen will, muss mehr über die Menschen wissen, die ihn verbreiten. Zum anderen müssen sich auch Medienschaffende intensiv mit dem Thema beschäftigen und neue Strategien im Umgang mit Hate Speech entwickeln. Zudem kann Medienkompetenz helfen, Hass im Netz früh zu erkennen, einzuordnen und wirksam dagegen vorzugehen. Wer versteht, wie Hate Speech funktioniert, welche Dynamiken sie auslöst (etwa durch Likes oder algorithmische Sichtbarkeit), kann bewusst gegensteuern, statt ungewollt zur Verbreitung beizutragen.
Medienhäuser, Medienschaffende, Individuen, Plattformen, Politik und die Gesellschaft als Ganzes müssen dazu gemeinsam Verantwortung übernehmen. Nur wenn Wissen, Haltung und Handlungskompetenz zusammenkommen, lässt sich Hate Speech langfristig und nachhaltig eindämmen.
Umgang mit Hate Speech
- Solidarität zeigen: Like oder kommentiere unterstützend unter dem betroffenen Beitrag. Das zeigt der Person: Sie ist nicht allein.
- Nicht weiterverbreiten: Teile Hassinhalte nicht – auch nicht, um dich darüber aufzuregen. Jeder Klick erhöht die Sichtbarkeit.
- Community aktiv moderieren: Netiquette formulieren, Regeln durchsetzen, Grenzen benennen.
- Langfristig denken: Entwickle gemeinsam mit Kolleg:innen Strategien, wie mit wiederkehrenden Täter:innen oder gezielten Angriffen umzugehen ist.
Weitere Tipps findest du hier.
Infos & Quellen
Kontext:
Hate Speech stellt eine Herausforderung für die Medienkompetenz dar, weil sie gezielt Emotionen manipuliert, diskriminiert und die Grenzen zwischen Meinung und Menschenfeindlichkeit verwischt. Wer medienkompetent ist, kann solche Inhalte erkennen, einordnen und verantwortungsvoll damit umgehen – sowohl als Konsument:in als auch als Produzent:in.
Quellen:
Hutzinger, C. und Weitzl, W. 2025: Hate Speech auf österreichischen und deutschen Nachrichtenportalen (RTR Kurzbericht): (Microsoft Word – Kurzbericht für Projekt Hate Speech auf österreichischen und deutschen Nachrichtenportalen 28.2.2025..docx).
Anmerkung: Hierbei handelt es sich um einen Zwischenbericht. Auf Anfrage teilte der Studienleiter mit, dass eine wissenschaftliche Publikation in Arbeit und weitere Veröffentlichungen geplant seien.
Neue deutsche Medienmacher:innen e.V.: https://neuemedienmacher.de/no-hate-speech-movement/.
Neue deutsche Medienmacher:innen e.V.: Wetterfest durch den Shitstorm. Leitfaden für Medienschaffende zum Umgang mit Hass im Netz. https://neuemedienmacher.de/fileadmin/dateien/PDF_Borschueren-Infomaterial-Flyer/Leitfaden_gegen_Hassrede_2022.pdf.
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Medienkompetenz, Social Media und Demokratie
Digitale Medien prägen nicht nur, wie Menschen die Welt wahrnehmen, sondern auch, wie sie Demokratie verstehen und leben. In dieser komplexen Beziehung zwischen Mediennutzung, politischem Bewusstsein und gesellschaftlicher Teilhabe spielt Medienkompetenz eine zentrale Rolle.
Medienkompetenz befähigt Bürger:innen, sich souverän, kritisch und informiert im digitalen Raum zu bewegen.
Damit wirkt sie sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene stabilisierend für die Demokratie.
Die Power von Medienkompetenz
Menschen mit hoher Medienkompetenz können Nachrichten einordnen, journalistische Qualität von Desinformation unterscheiden und Kommunikationsstrategien durchschauen. Sie lassen sich weniger leicht manipulieren, erkennen emotionale Appelle und sind sich der Funktionsweise algorithmischer Strukturen bewusst. So können sie informierte Wahlentscheidungen treffen und einen Beitrag zu einer faktenbasierten Debattenkultur leisten.
Medienkompetenz schützt nicht nur die Wahlfreiheit, sondern ermöglicht auch neue Formen der politischen Teilhabe.
Diese Teilhabe wird durch soziale Netzwerke, Kommentarspalten oder andere digitale Beteiligungsplattformen möglich.
Tatsächlich können digitale Medien die politische Mobilisierung und Wahlbeteiligung fördern. Sie bieten ein vielfältigeres Nachrichtenangebot, können Meinungsfreiheit und Transparenz stärken und ermöglichen es Menschen, sich unkompliziert über politische Prozesse zu informieren und daran teilzunehmen.
Die positive Folge: demokratische Legitimation und Partizipation werden gestärkt, besonders in Gruppen, die über klassische Kanäle schwer erreichbar sind.
Negative Effekte von digitalen Medien
Doch die Effekte sind ambivalent – neben den positiven Möglichkeiten, die digitale Medien mit sich bringen, können sie auch negative Konsequenzen haben.
Digitale Medien können etwa zu Bequemlichkeit verleiten.
Viele Nutzer:innen verlassen sich darauf, dass ihnen relevante Inhalte „zufällig“ begegnen, statt sich aktiv zu informieren.
Diese passive Nutzung erhöht die Anfälligkeit für einseitige Informationen und senkt die Bereitschaft, andere Perspektiven zuzulassen.
Gleichzeitig sinkt in Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in klassische Medien, politische Institutionen und demokratische Prozesse insgesamt. Populistische und nationalistische Tendenzen gewinnen an Boden, insbesondere dann, wenn Emotionen hervorgerufen werden sollen oder wenn gezielt Desinformationen verbreitet werden. Die ständige Verfügbarkeit und nicht bewältigbare Menge von Nachrichten führt außerdem dazu, dass manche Menschen diese gezielt vermeiden – sei es aus Überforderung mit den Inhalten oder den Emotionen, die davon ausgelöst werden.
Die Rolle von Algorithmen ist dabei nicht zu unterschätzen. Zwar zeigen empirische Studien, dass Filterblasen weniger strikt wirken, als oft vermutet – Nutzer:innen stoßen durchaus auf abweichende Meinungen. Algorithmische Strukturen tragen aber dazu bei, dass mit politischen Nachrichten vor allem Menschen erreicht werden, die ohnehin schon politisch interessiert sind. Wer sich hingegen nicht sowieso schon für Politik interessiert, bleibt außen vor.
Dadurch entstehen soziale und politische Klüfte, die durch Echokammern und radikalisierende Milieus weiter verstärkt werden können.
Auch Qualitätsstandards sind in der digitalen Informationswelt nicht überall gegeben. Zwischen professionellem Journalismus, privaten Meinungsäußerung und strategischer Desinformation verschwimmen die Grenzen zunehmend.
Für Nutzer:innen ist es nicht immer einfach zu erkennen, mit was sie es im konkreten Fall zu tun haben.
Wer nicht über ausreichende Medienkompetenz verfügt, kann diese Unterschiede nur sehr schwer erkennen – und wird damit anfällig für verzerrte oder manipulierte Darstellungen. Das betrifft vor allem Menschen, die digitale Medien weitgehend automatisch und unbewusst konsumieren.
Was tun?
Wie eingangs bereits erwähnt, liegt in der Förderung von Medienkompetenz ein großes demokratisches Potenzial. Sie schärft Bewertungs- und Reflexionskompetenzen und fördert Perspektivenvielfalt.
So schützt ein hohes Maß an Medienkompetenz vor Manipulation und macht Menschen in einer komplexen Welt handlungsfähig.
Medienkompetente Bürger:innen tragen aktiv zur Stabilität demokratischer Gesellschaften bei – zum Beispiel indem sie sich beteiligen, Widersprüche aushalten, Debatten suchen und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen.
Digitale Medien sind damit weder gut noch schlecht. Ihr Einfluss hängt entscheidend davon ab, wie Menschen mit ihnen umgehen – und ob sie in der Lage sind, ihre Chancen zu nutzen, ohne ihren Gefahren zu erliegen.
Medienkompetenz ist kein Nice-to–have, sondern die Basis für Demokratie.
Infos & Quellen
Kontext
Medienkompetenz befähigt Menschen dazu, Inhalte in sozialen Medien kritisch zu bewerten, Desinformation zu erkennen und verschiedene Perspektiven einzuordnen. Dadurch können sie sich fundiert an politischen Diskussionen beteiligen und tragen zu einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit bei. Ohne diese Kompetenz jedoch verstärken soziale Medien Tendenzen wie Polarisierung, Populismus und gesellschaftliche Spaltung.
Quellen
Demokratie-Zentrum Wien: https://www.demokratiezentrum.org/bildung/methodisch-didaktisch/neue-medien-im-unterricht/demokratie-und-neue-medien/
Erwachsenenbildung.at: https://erwachsenenbildung.at/themen/kritische-medienkompetenz/grundlagen/gesellschaftliche-und-politische-rahmenbedingungen-kritischer-medienkompetenz.php
Max-Planck-Institut: https://www.mpg.de/19474069/1108-bild-wie-gefaehrlich-sind-digitale-medien-fuer-die-demokratie-149835-x
Politische Medienkompetenz: https://www.politische-medienkompetenz.de/debatte/demokratie-und-medien/
Hier gehts zum PDF: Medienvertrauen & Medienskepsis
Medienvertrauen & Medienskepsis
Die kritische Auseinandersetzung mit Medien hat eine lange Tradition. In Demokratien spielen Medien eine zentrale Rolle: Sie fungieren als Vierte Gewalt und kontrollieren staatliche Institutionen. Gleichzeitig sind sie aber auch selbst Gegenstand kritischer Betrachtung.
Skepsis bzw. eine kritische Einstellung zu Medien kann als Teil einer reflektierten Haltung gegenüber gesellschaftlichen Institutionen verstanden werden – ein Merkmal funktionierender Demokratien, in denen Bürger die Freiheit haben, (staatliche) Institutionen zu hinterfragen.
„Eine skeptische oder misstrauische Haltung gegenüber Medien lässt sich auch als Ausdruck einer kritischen Haltung gegenüber gesellschaftlichen Institutionen interpretieren – etwas, was in liberalen Demokratien von Staatsbürgern durchaus erwartet werden kann.“ (Blöbaum 2021, S. 92)
Vertrauen in Medien ist zudem auch deswegen essenziell für demokratische Gesellschaften, weil es die Grundlage für informierte Entscheidungen und gesellschaftlichen Austausch bildet. Studien wie der World Value Survey und die European Value Study zeigen jedoch, dass Vertrauen in Medien nicht einfach konstant vorhanden ist, sondern von verschiedenen Faktoren abhängt. Dabei fällt auf, dass der vielfach postulierte Vertrauensverlust nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betrifft. Insbesondere besteht ein starker Zusammenhang zwischen Politik- und Medienvertrauen: Menschen, die politische Eliten ablehnen, neigen eher dazu, auch Medien kritisch zu sehen.
Medienskepsis
Als Gegenpol zu Vertrauen wird häufig Misstrauen genannt. Allerdings zeigen Studien, dass Vertrauen und Misstrauen in Medien parallel auftreten können. Blöbaum schlägt deswegen die Einführung des Konzepts „Medienskepsis“ vor.
Medienskepsis beschreibt eine kritische Haltung gegenüber Medien, die nicht zwangsläufig mit generellem Misstrauen einhergeht.
Medienskeptiker:innen finden sich in allen sozialen Gruppen und haben vielfältige Gründe für ihre Haltung. Dazu zählen die selektive Auswahl von Themen durch Medienschaffende, der Eindruck, Medien seien Teil einer gesellschaftlichen Elite, sowie der Vorwurf eines „Erziehungsjournalismus“, der den Eindruck erweckt, dass Journalist:innen eine bestimmte Meinung vorgeben wollen. Außerdem wird häufig kritisiert, dass Medien ihrer Aufgabe, Kritik an Wirtschaft und Politik zu üben, nicht ausreichend nachkommen.
Ursachen von Medienskepsis
Medienskepsis entwickelt sich häufig schrittweise. Etwa ein Drittel der Befragten nennt konkrete Themen als Auslöser für ihre kritische Haltung, während persönliche Erfahrungen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dabei bedeutet Skepsis nicht automatisch eine generelle Ablehnung von Medien:
Viele Medienskeptiker:innen meiden journalistische Angebote nicht vollständig, sondern weichen auf alternative Informationsquellen aus.
Dies unterstreicht, dass Medienkritik nicht zwangsläufig mit einer vollständigen Abwendung von journalistischen Inhalten einhergeht.
Ein differenziertes Bild zeigt sich auch in der Haltung der Befragten:
Viele Skeptiker:innen sind ambivalent eingestellt und erkennen beispielsweise institutionelle Zwänge im Journalismus an. Vertrauen und Misstrauen existieren häufig parallel – einzelne Inhalte oder Beiträge werden kritisch betrachtet, ohne dass dies zwangsläufig auf das gesamte Mediensystem übertragen wird.
Konsequenzen für Medienschaffende
Diese Ergebnisse zeigen, dass viele Skeptiker:innen nicht unwiderruflich „verloren“ sind. Um das Vertrauen in Medien zu stärken, sind verschiedene Maßnahmen denkbar, zum Beispiel:
- Transparenz: Eine verstärkte Offenlegung journalistischer Prozesse kann das Verständnis und Vertrauen der Nutzer:innen fördern. Wie werden Themen ausgewählt? Welche Quellen werden verwendet? Wie läuft die Recherche ab?
- Interaktion: Mehr Austausch zwischen Medienschaffenden und Nutzer:innen kann dazu beitragen, Distanzen zu überwinden und gegenseitiges Verständnis zu fördern.
- Vielfalt: Eine breitere Repräsentation von Perspektiven und gesellschaftlichen Gruppen kann dazu beitragen, dass sich mehr Menschen von der Berichterstattung angesprochen fühlen.
Medienvertrauen ist kein statischer Wert, sondern wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Konzept der Medienskepsis bietet daher eine gute Möglichkeit, die Beziehung zwischen Medienschaffenden und Nutzer:innen langfristig zu verbessern und das Vertrauen in Medien zu stärken.
Infos & Quellen
Kontext
Medienvertrauen und Medienkompetenz sind eng miteinander verknüpft: Nur wer versteht, wie Medien arbeiten, kann Berichterstattung richtig einordnen und zwischen fundierter Information und gezielter Manipulation unterscheiden. Kritische Mediennutzung bedeutet daher nicht blindes Vertrauen, sondern eine reflektierte, informierte Haltung.
Quellen
Blöbaum, A. 2020. Medienvertrauen und Medienskepsis. Theoretische Grundlagen und empirische Evidenzen. In: Astrid Blome, Tobias Eberwein und Stefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.) (2020): Medienvertrauen. Historische und aktuelle Perspektiven. München: De Gruyter.
Hanitzsch, T., Van Dalen, A. und Steindl, N. 2018. Caught in the Nexus: A Comparative and Longitudinal Analysis of Public Trust in the Press. In: The International Journal of Press/Politics, S. 3-23. https://epub.ub.uni-muenchen.de/66257/1/1940161217740695.pdf.
Berichterstattung, die nicht den eigenen Überzeugungen und Ansichten entspricht, wird von vielen Menschen als schlechter Journalismus empfunden. Das sagt Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Um junge Menschen mit Medienprodukten zu erreichen, führe kein Weg an Online vorbei.123
Im Internet begegnet man Publikationen hoher journalistischer Qualität ebenso wie Clickbait, also Inhalten, die vor allem möglichst viel Interaktion generieren sollen: Anhand welcher Merkmale erkennt man Qualitätsjournalismus?
George Orwell hat einmal notiert, dass alle Propaganda lügt, auch wenn jemand die Wahrheit sagt. Journalistinnen und Journalisten glauben oft, Wahrheiten zu liefern, produzieren aber Propaganda. Das kann durch eine Beobachtung des Linguisten Noam Chomsky erklärt werden: Medienunternehmerinnen und -unternehmer stellen gerne Leute ein, deren politische, ökonomische und religiöse Auffassungen mit ihren eigenen übereinstimmen. Der so produzierte „Qualitätsjournalismus“ ist in Warheit Propaganda für die Unternehmen.
Was zeichnet Qualitätsjournalismus aus?
Jeder Mensch hält das für guten Journalismus, was seinem Geschmack entspricht. Bürgerlich kapitalistisch gesinnte Menschen werden als Marktsegment von Journalistinnen und Journalisten mit ähnlichem Geschmack adressiert und halten das für gute Praxis.
Produkte, die sich an Menschen mit national-faschistischem, proletarisch-kommunistischem oder prekär-anarchistischem Geschmack wenden, werden dann als schlechte Praxis begriffen. Da das umgekehrt genauso gilt, besteht innerhalb der jeweiligen Gruppe Konsens darüber, dass Journalismus, der für andere Marktsegmente produziert wird, schlecht sei.
Welche Rolle spielt Qualitätsjournalismus, wenn Desinformation, Filterblasen und Algorithmen immer mehr Raum einnehmen? Ist er aktuell notwendiger denn je?
Qualitätsjournalismus ist eine Filterblase. Das Wort wird im Marketing für Menschen mit bürgerlich-kapitalistischer Einstellung verwendet, und um den Geschmack dieses Marktsegments zu treffen, führen Journalistinnen und Journalisten Filteralgorithmen aus. Explizite Filterkriterien finden sich in Redaktionsstatuten und Geschäftsbedingungen von Medienunternehmen, während implizite Kriterien in der Nachrichtenwerttheorie beschrieben werden. Ein Beispiel für letztere ist der „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“-Filter: Schlechte Nachrichten haben einen höheren Verkaufswert als gute. Diese Filter zu kennen ist aktuell wichtiger denn je.
Wie lassen sich Informationen in einem journalistischen Beitrag verifizieren und falsifizieren?
Entscheidend ist, sich gewisser Medienrealitäten bewusst zu sein. Gut etablierte Möglichkeiten zur Untersuchung von Medienrealitäten sind ideologiekritische Analysen und Diskursanalysen. In den Blick genommen werden dabei die mit einer bestimmten Information verbundenen Interessen. Wenn klar ist, ob mit einer Information wissenschaftliche, journalistische, politische, ökonomische oder religiöse Interessen zum Ausdruck gebracht werden, kann sie besser eingeschätzt werden. Das ist nicht immer einfach – ein journalistischer Bericht über eine wissenschaftliche Information ist eben keine wissenschaftliche Information, sondern eine journalistische. Meist genügt es aber schon, sich zunächst zu fragen, wer was zu wem durch welchen Kanal zu welchem Zweck gesagt hat. Medienkonsumentinnen und -konsumenten können nur durch eigenes Denken zu einer Einschätzung gelangen.
„Journalistinnen und Journalisten glauben oft, Wahrheiten zu liefern, produzieren aber Propaganda.“
Wie kann Journalismus eine junge Zielgruppe erreichen, die sich vor allem online informiert?
Menschen, die sich primär im Internet informieren, lassen sich klarer Weise am besten über Onlineberichterstattung erreichen. Um dabei Profit zu machen, muss man genau wie konventionelle Medien Marktsegmente in einer Weise adressieren, dass Aufmerksamkeit entsteht, die dann monetarisiert werden kann. Das gelingt umso besser, je mehr den Erwartungen des jeweiligen Zielpublikums und der Struktur des Mediums entsprochen wird:
Für einen Dienst wie Mastodon Reportagen zu schreiben, ist also völlig sinnlos.
Qualitätsjournalismus in sozialen Medien: Nicht mehr als ein frommer Wunsch?
Soziale Medien gehören wie Zeitungen oder Fernseh- und Radiosender in der Regel großen Unternehmen. Ob die „Qualität“ mittels Auflagenhöhe, Einschaltquote oder Klickrate gemessen wird, macht kaum einen Unterschied.
Ist es aktuell so, dass die „fünfte Gewalt“ Internet wesentliche Teile der „vierten Gewalt“ Medien zerstört oder untergräbt?
In parlamentarischen Regierungssystemen werden meistens Exekutive, Judikative und Legislative funktional unterschieden. Diesem
Prinzip der Gewaltenteilung folgt auch die österreichische Verfassung. Es gibt aber Journalistinnen und Journalisten, die es für eine Wahrheit halten, dass sie die „vierte Gewalt“ im Staat repräsentieren. Dass eine staatliche Gewalt durch den
Souverän, also das Volk, in freier, geheimer und gleicher Wahl legitimiert sein muss, wird dabei aber nicht erwähnt.
Das Gespräch führte fit4internet.
Von Clemens Stachel.
Immer mehr Journalistinnen und Journalisten verbreiten ihre Texte, Videos und Podcasts via Social Media. Wie verdienen sie dort ihr Geld? Und haben die „Kleinen“ gegen große Medienhäuser überhaupt eine Chance?
Das Berufsbild der Journalistin und des Journalisten hat sich seit dem Aufstieg der sozialen Medien stark gewandelt. Die Ausspielkanäle und Formate für journalistische Inhalte sind vielfältiger geworden. Gab es früher – vereinfacht gesagt – bloß Zeitung, Radio und TV, findet man professionell produzierten und teilweise hochwertigen Journalismus heute genauso auf Instagram, YouTube oder TikTok. Neben großen Medienhäusern bringen auch immer mehr kleine innovative Medien-Start-ups und unabhängige freie Journalistinnen und Journalisten ihre Werke auf Social Media unter die Leute.
Gleichzeitig hat die Digitalisierung aber auch die Geschäftsmodelle der „alten“ Medien ordentlich durcheinandergewirbelt. Die klassische Finanzierung von Journalismus über den Verkauf eines Medienprodukts und über Werbeanzeigen steckt in der Krise: Erstens wollen weniger Menschen als früher für ihren täglichen Medienkonsum bezahlen, und zweitens zwacken Google und Facebook einen immer größer werdenden Teil des Online-Werbekuchens ab. Es stellt sich also die Frage: Wie finanziert sich der Journalismus auf Social Media? Wie verdienen journalistische Content Creators ihr Geld? Welche Zukunft haben neue Geschäftsmodelle? „Zunächst müssen wir auseinanderhalten zwischen Medienunternehmen und freien Journalistinnen und Journalisten, die auf Social Media als Einzelpersonen auftreten“, sagt Jelena Pantić-Panić. Die Wiener Journalistin hat selbst als „Freie“ viel Erfahrung gesammelt und bietet heute unter der Marke „medien.geil“ Mentorings für junge Kolleginnen und Kollegen an.
„Freie Journalistinnen und Journalisten nützen Social Media, um sich zu präsentieren. So wird etwa deine Instagram-Seite zu deiner persönlichen Visitenkarte, sie wird Teil deines personal brandings. Ich selbst bekomme mittlerweile hundert Prozent meiner Aufträge über meine Instagram-Präsenz.“ Man könne sich also auf Social Media als prägnante journalistische Stimme mit beeindruckender Followerzahl präsentieren, erklärt Pantić-Panić, sein Geld verdiene man dann meist aber doch „über die klassischen Medien“ – indem man etwa von einer Zeitung den Auftrag erhält, einen Artikel zu schreiben.
WER WILL WOFÜR BEZAHLEN?
Erst in den letzten paar Jahren hat sich auch die direkte Bezahlung von Content Creators durch die Konsumentinnen und Konsumenten im großen Stil durchgesetzt. Unabhängige deutschsprachige Journalistinnen und Journalisten haben vor allem in der Plattform Steady einen neuen „Anlegehafen“ gefunden: Hier können sie unkompliziert Abonnements für ihre regelmäßig erscheinenden Arbeiten verkaufen, also etwa für ihre Podcasts, E-Mail-Newsletter, YouTube-Videos oder Instagram-Inhalte. Die sozialen Medien dienen dann als Ausspielkanäle des journalistischen Werks oder einfach „nur“ als Werbefenster zum eigentlichen Medienprodukt, das man ganz woanders erhält. „Der Trend geht eindeutig in Richtung Abos und Pauschalangebote, was unabhängigen Journalismus betrifft“, sagt Jelena Pantić-Panić. „Pay-per-Click- oder Pay-per-Article-Modelle haben sich einfach nie so richtig durchgesetzt.
„Ein Medium, das überwiegend auf Abos setzt statt auf Werbung, ist unabhängiger und hat auch eine größere Planungssicherheit.“
Womit wir bei einem Grundproblem wären: bei der Bereitschaft des Publikums, überhaupt für Journalismus zu bezahlen. „Die ‚Kostenlos Kultur‘ des Internets war aus Sicht des seriösen Journalismus zunächst eine schlechte Entwicklung“, sagt Michael Graßl, Kommunikationswissenschaftler an der Katholischen Universität Eichstätt Ingolstadt in Deutschland. Erst langsam setze sich bei der jüngeren Generation von Medienkonsumentinnen und -konsumenten wieder ein Verständnis dafür durch, dass Qualität im Journalismus nun einmal etwas koste. „Eine medienübergreifende Bezahlplattform, also eine Art ‚Netflix für Journalismus‘, könnte hierfür eine gute Lösung darstellen.“ Noch gibt es eine derartige Plattform im deutschsprachigen Raum jedoch nicht. Das junge Publikum gehe deshalb verstärkt dazu über, „seine“ Journalistinnen und Journalisten direkt zu bezahlen, so Graßl, der Journalismus auf Social Media schon seit Jahren wissenschaftlich erforscht: „Die Entwicklung, die etwa hinter Steady steckt, ist sehr spannend: Ich abonniere genau den Journalismus, der ‚mein‘ Thema behandelt, und kofinanziere so ein kleines Medium oder manchmal sogar nur eine einzelne Journalistin. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dieser Trend den Medienmarkt wirklich in der Breite mitbestimmen kann oder ein Nischenphänomen bleibt.“
So wie sich beim jungen Publikum eine neue Zahlungsbereitschaft breitmache, stellt Michael Graßl fest, gehöre heute auch das Verkaufen und Distribuieren immer selbstverständlicher zum journalistischen Berufsbild. „Der Werkzeugkasten von Kompetenzen, den wir an der Uni angehenden Journalistinnen und Journalisten vermitteln, hat sich in den letzten fünf Jahren stark verändert. Sich selbst und seine Arbeit unentwegt ‚verkaufen‘ zu müssen – das haben die Jüngeren in diesem Feld heutzutage fast schon im Blut.“
DIE BIG-TECH-ZWICKMÜHLE
„Man muss bei der Finanzierung immer wieder auf das sich verändernde Umfeld reagieren“, sagt auch Fritz Jergitsch, Mastermind hinter dem Satireportal „Die Tagespresse“. „Seit dem Start unseres Projekts vor neun Jahren haben wir bereits zweimal unser Geschäftsmodell komplett umgekrempelt – ganz einfach, weil sich die Nutzergewohnheiten im Netz so schnell verändern.“ Jergitsch betreibt zwar kein echtes journalistisches Medium, die Social-Media-Mechanismen von Distribution und Aufmerksamkeit gelten für ihn jedoch genauso. „Das A und O des Geldverdienens über Social Media ist das Kultivieren einer eigenen Community“, sagt er. „Und dass der Content für diese Gruppe Relevanz hat.“ Vor fünf Jahren noch habe sich die „Tagespresse“ zur Gänze über Werbebanner auf der Website finanziert.
„Mittlerweile haben wir das umgedreht: 95 Prozent unseres Umsatzes machen wir durch direkte Leser-Abos. Der Rest kommt aus Merchandising und ein bisschen Werbung.“ Dies sei für Jergitsch „das eleganteste Modell der Finanzierung von Journalismus“ – weil man als überwiegend leserfinanziertes Medium wirklich unabhängig sei und auch eine größere Planungssicherheit habe. Die sozialen Medien als Hauptvertriebskanal zu nutzen, ist für ihn ein zweischneidiges Schwert: „Einerseits gilt: Entweder du bist als Medium auf Social Media oder du bist irrelevant. Andererseits liefert man sich dort den Algorithmen der Tech-Giganten aus. Wir haben das im Herbst 2022 selbst erlebt, als wir auf Facebook über Nacht 90 Prozent unserer Reichweite verloren haben. Es war wohl die Folge irgendeines neuen Filters, der politische Inhalte benachteiligte.“ „Algorithmen nerven sehr“, pflichtet Jelena PantićPanić bei. Bei jedem Text müsse man überlegen: „Formuliere ich ihn genau so, wie ich es als Journalistin will, oder ändere ich ihn auf eine ‚suchmaschinenoptimierte‘ Art und Weise ab, damit er eher gefunden wird?“
Diese Beschäftigung könne lästig sein, gibt sie zu, zwinge Medienschaffende aber auch dazu, immer wieder neue spannende Formate für verschiedenste Social Media-Plattformen zu entwickeln. Beim Thema Werbung auf Social Media wird Pantić-Panić skeptisch: „Für freie Journalistinnen und Journalisten ist Werbung als Einnahmequelle immer tricky. Wenn du beispielsweise für ein Unternehmen ein Advertorial-Video produzierst und auf deinem Instagram-Channel ausspielst, dann färbt das doch sehr stark auf dein Image ab. Ein Medium hingegen kann sich so etwas eher leisten, ohne gleich seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.“ In die Zukunft blickend kann sich Medienforscher Michael Graßl vorstellen, dass auch und gerade öffentlich-rechtlicher Journalismus eine zunehmend wichtige Rolle auf Social Media einnehmen könnte. Das Geldverdienen mit Social-Media Content würde dann um eine weitere Ecke „indirekter“ funktionieren – und ein Medium, das sich auf Social Media nicht extra um Finanzierung kümmern muss, „könnte auch umso besser kritischen Journalismus mit Orientierungsfunktion produzieren“, so Graßl. „Soziale Medien funktionieren ja so, dass man sie ungern verlässt. Medien, die ihre journalistischen Werke direkt im Kanal ausspielen können und keine ‚Werbeeinschaltungen‘ brauchen, sind langfristig wahrscheinlich im Vorteil.“
WO JOURNALISTINNEN UND JOURNALISTEN SICH PRÄSENTIEREN UND GELD VERDIENEN
STEADY
Ursprünglich deutsche Plattform, auf der Medienschaffende sehr einfach Abonnements für ihre Projekte verkaufen können. Zehn Prozent jeder Abogebühr geht an Steady. Wird jetzt auch in ganz Europa populär.
steadyhq.com
SUBSTACK
Besonders in den USA verbreitete Plattform, über die Journalistinnen und Journalisten E-Mail-Newsletter und andere Inhalte via Bezahlabo aussenden können. Zehn Prozent der Abogebühr bleibt bei Substack. Geriet in die Kritik, weil auch Inhalte mit Desinformation – etwa zur Covid Pandemie – nicht eingeschränkt werden. substack.com
PATREON
Eine der ersten und in der gesamten Kreativbranche noch immer populärsten US-amerikanischen SocialPayment-Plattformen. Auch hier werden rund zehn Prozent jeder Abozahlung als „Provision“ einbehalten. patreon.com
TORIAL
Eine kostenlose deutschsprachige Plattform für Journalistinnen und Journalisten, um Portfolios mit ihren besten Werken zu gestalten und sich untereinander zu vernetzen.
torial.com
PAYPAL UND ANDERE
Online-Bezahlservices können auch für unabhängige Medienschaffende ein relevanter Bestandteil der Monetarisierung sein.
paypal.com